Julia Krajewski

Nachklapp Vielseitigkeit: Krajewski fordert Aufarbeitung – Ingrid Klimke übt starke Kritik

Die Vielseitigkeitsentscheidung in Rio liegt nun zwei Tage zurück. Auch wenn die deutsche Mannschaft mit Silber noch ein kleines Happy End nach einem eher schlechten Geländetag erlebte, wird es im Nachgang noch zu Diskussionen kommen (müssen). Der Austausch von Andreas Ostholt aus der Mannschaft und das Nachrücken von Julia Krajewski in Rio brachte nicht nur Unruhe in den Medien, sondern auch innerhalb der Mannschaft. Das einst so starke Mannschaftsgefüge, das die Vielseitigkeitsreiter seit Jahren auszeichnet, wurde durch diese Entscheidung belastet. Zwar übte man sich innerhalb des Teams weiter um ein kollegiales Miteinander – doch wird keiner Abstreiten, dass die Situation und Art und Weise, wie die Entscheidung von dem Bundestrainerstab um Hans Melzer und Chris Bartle zustande kam – das positive Wir-Gefühl beeinträchtigt hat. Letztlich war es vor allem Julia Krajewski selbst, die unter diesen Umständen einem noch viel größeren Druck als nur dem einer Championatspremiere bei Olympischen Spielen ausgesetzt war.

Nach der Mannschaftsentscheidung sagte sie dann selbst: “Man wird über das, was zu dem Ergebnis geführt hat, sprechen müssen. Ich weiß nicht, wie oft ich in dieser Woche Gänsehaut und Schweißausbrüche hatte.” Deutliche Äußerungen, wie es im Inneren der jungen, talentierten Reiterin ausgesehen haben muss. Der Geländetag, so sagte sie, “war einer der härtesten Tage in meinem Leben.” Und dann setzten auch noch die Sprüche von TV-Kommentator Carsten Sostmeier – beleidigender Art – einen oben drauf. “Außenstehende vergessen wohl manchmal, dass man ein Mensch ist”, schüttelte die Reiterin mit dem Kopf. Gleichzeitig blickte sie nach vorne: “Man lernt immer was und nimmt was mit, auch aus so einer Woche. Man merkt auch in so einer Situation, wer für einen da ist, wenn es mal schlecht läuft. Wie das Gelände lief, hat mich aber wirklich geschockt und getroffen.”

Julia Krajewski

Julia Krajewski

Überhaupt sei die ganze Woche heftig gewesen. “Ich bin als Reserve hierher gekommen – und hatte diese Rolle gerne – dann wurde ich eingewechselt, und das mit viel Diskussionen, und dann auch noch das Ergebnis. Das muss alles einmal aufgearbeitet werden.”

Aufarbeitung fordert auch Krajewskis Mannschaftskollegin Ingrid Klimke – und zwar hinsichtlich des Geländekurses. Klimke wurde sehr deutlich: “Die vergangenen Olympischen Spiele waren echt eine Werbung für den Sport, aber diesen Kurs konnte man nur schwer mit einem Lächeln reiten. Kollegen haben gesagt, es sei wie ein CIC – nur das zehn Minuten lang. Die Pferde wurden mental einfach viel zu stark gefordert. Man muss sich einfach vorstellen: Ich bin den Kurs fünf Mal durchgelaufen, 30 Kilometer – die Pferde aber sehen das Ganze zum ersten Mal. Diese Linie von der Ecke zum Gatter… Die springen mutig über die Ecke und dann steht da so ein Gatter. Muss das sein?”

Ingrid Klimke & Hale Bob

Ingrid Klimke & Hale Bob

In Caen, so erklärte Klimke, hätten sie mit der Mannschaft Gold gewonnen und sich danach trotzdem hingesetzt und einen Brief geschrieben. Und nun, zwei Jahre später, sei wieder derselbe Parcoursdesigner für ein Championat verantwortlich. “Da stellt man sich dann schon Fragen”, so Klimke. “Ich liebe diesen Sport wirklich so sehr – aber was können wir noch tun? Wo geht die Reise hin? Wir haben so lange Aufbauarbeit gemacht. Ich hoffe, dass wir wirklich eine Analyse machen wie vor zwei Jahren und das auch was bringt.” Klar, es habe Alternativen für die Pferde gegeben, meinte Klimke, “aber die seien für die Pferde auch nicht schöner. Man wolle die Pferde durch ständiges Abwenden und Schlengeln ja auch nicht entmutigen. Dass allerdings viele Reiter schnell geschaltet hätten und dann Alternativen geritten seien, lobte Klimke: “Wie viele hätten hier einen Orden verdient für taktisches kluges Reiten.”

Ja, es besteht definitiv Redebedarf. In unserer schnelllebigen Zeit wird vieles gleich wieder verdrängt. Hier aber sollte der Sport dran bleiben, um seiner selbst Willen.

Fotos: Stefan Lafrentz