Marcus Ehning

Marcus Ehning zeigt sich als Teamplayer nach Olympia-Aus

Womöglich konnte Marcus Ehning die Nacht schon nicht gut schlafen, als gestern Abend nach dem Warm-Up beim Vortraben Cornado NRW nicht so rund ging wie er sollte. Dann beim erneuten Vortraben heute morgen war für den Bundestrainer Otto Becker und Tierarzt Jan-Hein Swagemakers klar: Das Risiko ist zu groß, den Hengst vom Landgestüt NRW einzusetzen, auch, wenn es wahrscheinlich keine große Sache ist. Das sportliche Loch, das sagte Verbandspräsident Breido Graf zu Rantzau, sei allerdings nicht so groß, aber für Marcus Ehning sei es doch eine heftige Sache.

Bundestrainer Otto Becker tat sich auch schwer, die Entscheidung seinem Reiter am frühen Morgen mitzuteilen: “Für Marcus tut es mir unendlich leid. Er war das ganze Jahr über in überragender Form. Und wenn man das Pferd gestern auch gesehen hat, ist es umso schwerer. Noch wissen wir nicht, was passiert ist, vermutlich ist es kein Drama. Aber beim Traben ist es eben aufgefallen, dass er nicht hundertprozentig ok ist. Das ist ein blöder Zeitpunkt fürs Team. Aber ich muss meinen Hut vor der Mannschaft ziehen – sie stehen alle zusammen.”

Ob es eine richtige Verletzung sei, konnte auch Marcus Ehning selbst nicht sagen. “Er läuft halt einfach nicht richtig rund”, so der 42-Jährige. “Es ist eine krasse Enttäuschung, keine Frage. Aber es steht einfach zu viel auf dem Spiel. Dass er so gut drauf war, macht es aber nicht einfacher. Auch beim Vet-Check konnte jeder sehen, wie super er drauf war.” Beim Rausholen abends nach dem Warm-Up-Springen sei es ihnen aufgefallen, dass er nicht ganz gerade ging, auch heute morgen als er kalt aus der Box kam. “Mit halben Sachen trete ich nicht mehr an”, sagte der Reiter selbst. “Aber es ist vielleicht die zweite Medaille, die ich verpasse.” 2004 vor Athen hatte es den Borkener schon mal erwischt, damals mit For Pleasure. Ehning war nominiert, musste aber kurz vor Abreise ersetzt werden. “Langsam gewöhne ich mich dran”, übte sich Ehning in Galgenhumor.

Dass Marcus Ehning nun noch bis Mittwoch da bleibt, freute auch Ludger Beerbaum, der mit Ehning ein Zimmer im Olympischen Dorf: “Es ist für ihn und uns besser, wenn er dabei ist – er gehört dazu. Dabei hätte er ja einen Grund gehabt, früher nach Hause zu fahren, da seine Frau das vierte Kind erwartet.”

Otto Becker & Ludger Beerbaum

Otto Becker, Ludger Beerbaum & Marcus Ehning

Teamkollege Christian Ahlmann zeigte sein Mitgefühl: “Es ist unheimlich schade für Marcus. Man versucht, dann zu trösten, hunderte Worte zu sagen. Gestern war alles ok, heute ist alles anders. Das ist unheimlich bitter und traurig.”

Meredith Michaels-Beerbaum hingegen war verständlicherweise mehr als happy, nun doch reiten zu können: “Ich habe mich richtig gefreut. Es war dann zwar wenig Zeit, alles zu koordinieren und ich musste heute morgen jedem erklären, warum ich eine weiße Hose an habe. Für Marcus bin ich traurig, aber so ist der Sport. Er ist aber ein super Kollege und hat mich unheimlich unterstützt.” Die Einschulung der Tochter Brianne wird Meredith allerdings nicht verpassen, wie sie zunächst einen möglichen Rückflug begründete: Die ist erst am Montag nach den Reitwettbewerben.

Daniel Deußer stimmte in das Kollegen-Lob von Meredith Michaels-Beerbaum ein: “Man muss Marcus hoch anrechnen, wie er sich hier zusammen reißt. Er ist dabei, hilft jedem mit, als wäre er im Team. Das Pferd war nicht stockelahm, wahrscheinlich ist es nur eine Kleinigkeit. Vielleicht wäre das Pferd auch nach allen Wettbewerben so nach Hause gekommen wie es hierher kam, aber man wollte halt auf Nummer sicher gehen.”

Das bestätigte auch noch mal Otto Becker: “Marcus ist ein Pferdemann durch und durch und er hat in der Vergangenheit immer fürs Pferd entschieden. Dass er jedem nun am Abreiteplatz hilft, zeichnet ihn aus. Wie es tief im Inneren bei ihm aussieht, weiß man aber nicht.”

Fotos: Stefan Lafrentz