Charlotte Dujardin & Valegro

Gold und Tränen zum vielleicht letzten Ritt von Charlotte Dujardin und Valegro

Auch wenn der Kampf um die Einzel-Goldmedaille bei den Olympischen Spielen im Vorfeld als so offen wie selten gehandelt wurde und Charlotte Dujardin und Valegro als angreifbar galten – vor allem nach den Fehlern im Special – so klar war am Ende die Entscheidung um den Spitzenplatz. Valegro – zum wahrscheinlichen Karriereende at its best, das kann man so sagen. Mit 93,857 Prozent war der 14-jährige KWPN Wallach v. Negro/Gershwin an diesem Tag einfach nicht zu schlagen. Ein Höhepunkt jagte den nächsten, 10er über 10er gab es für das Pferd, das in den vergangenen Jahren nach Totilas neue Maßstäbe setzte und jeden Weltrekord (in Grand Prix, Special und Kür) hält. Mit ihrem heutigen Ergebnis hat sie auch einen neuen Olympischen Rekord aufgestellt und ihren alten von London eingestellt. Mit dem Wissen, dass es vielleicht der letzte Ritt auf Valegro war – in jedem Fall aber das letzte Championat – standen der Britin bereits zur Grußaufstellung die Tränen in den Augen. “Es war heute so emotional”, erzählte die Titelverteidigerin gerührt. “Es war einfach nur magisch. Ich war heute wirklich zum ersten Mal nervös beim Einreiten. In London gab es keine Erwartungen an mich auf eine Einzelmedaille. Hier war das anders. Aber als ich eingeritten bin, war es das unglaublichste Gefühl, das ich je hatte. Ich wusste, dass uns heute nichts passieren würde. Und dann die letzte Linie. Er hat alles gegeben. Er hätte nicht mehr geben können, selbst wenn er es versucht hätte.”

Isabell Werth, Charlotte Dujardin & Kristina Bröring-Sprehe

Medaillengewinner: Isabell Werth, Charlotte Dujardin & Kristina Bröring-Sprehe

Dass Valegro jetzt, mit gerade mal 14 Jahren, verabschiedet wird, ist eine Entscheidung, die schon länger getroffen wurde. “Er ist eine vollendete Legende”, so Dujardin. “Wir möchten, dass sich alle so an ihn erinnern, wie er war – und das auf dem Podest. Deswegen wird er kein Championat mehr gehen. Ob er noch ein weiteres Turnier bestreiten wird, liegt in Carls Händen.”

Charlotte Dujardin ist nun die dritte Reiterin, die Einzel-Gold in der Dressur mit ein und demselben Pferd in Folge gewonnen hat – vor ihr schafften das nur Anky van Grunsven (NED) und Nicole Uphoff (GER). Außerdem ist sie neben der Radrennfahrerin Laura Trott die einzige britische Sportlerin, die drei Goldmedaillen bisher überhaupt gewinnen konnte.

Für Dujardin gab es noch eine Überraschung: Ihr Freund Dean Wyatt-Golding hielt um ihre Hand an nach der Siegerehrung. Das tat er zwar schon mal in London und Dujardin hatte da schon “Ja” gesagt, aber da sie es bislang nicht vor den Altar geschafft hatten, wiederholte er seine Frage, sie sagte wieder “Ja” und meinte, nun wäre es wohl mal wirklich an der Zeit, auch tatsächlich zu heiraten. Immerhin seien sie schon neun Jahre zusammen.

Isabell Werth & Weihegold OLD

Isabell Werth & Weihegold OLD

Die Silbermedaille ging an Isabell Werth (GER) mit Weihegold OLD v. Don Schufro/Sandro Hit mit 89,071 Prozent. Mit dieser Medaille hat Isabell Werth einen einmaligen Rekord aufgestellt: Mit ihrer zehnten Medaille ist sie die erfolgreichste Reiterin aller drei Olympischen Disziplinen. Anky van Grunsen (NED) hatte bisher den Rekord mit neun Medaillen. Und noch eine beeindruckende Zahl: Isabell Werth hat bei ihren zehn Teilnahmen an Olympischen Medaillenentscheidungen im schlechtesten Fall mit Silber abgeschlossen. Eine Kür mit absoluten Höchstschwierigkeiten – wie man es von der Mannschaftsolympiasiegerin gewohnt ist – zeigte Werth mit der Oldenburger Stute. Überglücklich war die 47-Jährige mit ihrem Spitzenplatz: “Ich wusste ja, dass Charlotte 93 Prozent hatte und auch, dass jetzt nicht das nächste Weltwunder durch mich passieren würde. Aber ich habe es versucht, an sie heranzukommen. Charlotte hat es absolut verdient.”

Die Goldmedaillengewinnerin sprach hingegen Isabell Werth ein besonderes Kompliment aus: “Isabell hat mir beigebracht, zu kämpfen. Von ihr habe ich das. Ein deutscher Trainer kam hinterher zu mir und sagte ‘Du bist ein Tier’ – genau das habe ich von Isabell. Sie inspiriert so viele Menschen.”

Dass nun künftig ihre Konkurrenz nicht mehr mit dem Traumpferd Valegro am Start ist, bedauerte Werth ehrlich: “Das ist wirklich schade. Es macht unheimlich viel Spaß gegen die Besten zu reiten. Es ist vielleicht ein, zwei Jahre zu früh für das Pferd, aber ich muss sagen, Respekt, ihn auf diesem Top-Niveau zu verabschieden. Er hat alles gewonnen. Ich genieße es aber immer sehr, gegen starke Konkurrenz zu reiten.”

Sie selbst, das erklärte sie augenzwinkernd, werde noch nicht in den Ruhestand gehen. “Ich hoffe allerdings, dass ich den richtigen Zeitpunkt für mich finde”, so Werth. Vor Tokio allerdings wird der nicht sein, das machte sie auch klar.

Kristina Bröring-Sprehe & Desperados

Kristina Bröring-Sprehe & Desperados

Noch nicht an Ruhestand für ihren nun schon langjährigen Championatsbegleiter Desperados FRH denkt Kristina Bröring-Sprehe, die nun in Rio ihre erste Medaille im Einzel gewinnen konnte. Bronze gab es für die beiden. 87,142 Prozent sahen einige Zuschauer als zu niedrig an – und hätten sich wohl die deutsche Reiterin mit dem Hannoveraner Hengst v. De Niro/Wolkenstein II auch auf dem Silberrang gut vorstellen können (wie zwei Richter auch). Doch die Schülerin von Bundestrainerin Monica Theodorescu war mehr als glücklich mit Bronze: “Es war mein großer Traum, noch eine Einzelmedaille zu gewinnen. Nach meinem Ritt habe ich ganz schön gezittert, aber jetzt freue ich mich riesig darüber. Es fehlte Despi heute etwas an Kraft in der Passage und er musste ganz schön kämpfen, aber dafür, dass er müde war, hat er es richtig gut gemacht.”

Platz vier ging an die US-Amerikanerin Laura Graves mit dem KWPN Wallach Verdades v. Florett As/Goya (85,196 Prozent), deren Bewertung von den Zuschauern bepfiffen wurde. Offensichtlich hätten sie einige gerne auf dem Medaillenrang gesehen. Ebenso gab es Pfiffe nach der Beurteilung des Spaniers Severo Jesus Jurao Lopez mit Lorenzo, den Fünftplatzierten mit 83,625 Prozent. Sie begeisterten wie schon in Aachen das Publikum, doch ist die technische Umsetzung bei den beiden nicht so stark wie der künstlerische Aspekt und daher eine höhere Wertung auch zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich.

Dorothee Schneider & Showtime

Dorothee Schneider & Showtime

Enttäuscht war die dritte deutsche Reiterin nach ihrer Kür: Dorothee Schneider und der Hannoveraner Wallach Showtime FRH v. Sandro Hit/Rotspon gehörten mit ihrer Queen-Kür mit zu den Medaillenkandidaten. Aber es schlichen sich gleich mehrere Fehler ein, die dann trotz 10er für die Passage keine höhere Bewertung als 82,946 Prozent und Platz sechs zuließen. “Der Kraftverlust war sehr hoch über die Woche”, resümierte Schneider. “Deswegen haben sich Fehler eingeschlichen.”

Doch Bundestrainerin Monica Theodorescu konnte ihrer Reiterin nichts vorwerfen: “Das Pferd fängt doch erst an. Sie sind Sechste bei ihren ersten Olympischen Spielen. Die Zukunft gehört diesem Paar.”

Fotos: Stefan Lafrentz