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C’est la vie – Normandie… Wieviel ist eine WM noch wert?

So schlimm ist es hier doch gar nicht mehr in der zweiten Woche der Weltreiterspiele in der Normandie. Und doch haben es einige Reiter vorgezogen, bereits vor dem Springen der besten 30 nach Hause zu fahren. Oder zumindest, nicht mehr weiterzureiten. Darunter Ludger Beerbaum und Christian Ahlmann, aber auch ein Kent Farrington und Yann Candele. „Ahlmann und Beerbaum – wo seid ihr?“ – hatten Fans auf ein Plakat gemalt, das sie im Stadion hochhielten. Deutsche Fans, die hofften, ihre vier Heros hier noch einmal im Parcours zu sehen. Bundestrainer Otto Becker hatte eine Antwort auf die Frage: „Beerbaum ist hier, Ahlmann Zuhause.“ Eine Antwort, die die Fans nicht zufrieden stellen dürfte. Während Beerbaum auf Platz 30 wirklich in aussichtsloser Lage steckte, hätte Ahlmann auf Platz zehn beste Chancen gehabt, noch ins Finale einzuziehen, da alle sehr dicht beieinander lagen. Mit einer fehlerfreien Runde wäre er nach dem ersten Umlauf bereits auf Platz fünf gewesen. „Das Pferd schonen“, war die offizielle Erklärung. Doch im Satz fehlte das Anhängsel „für Calgary“. Christian Ahlmann wird dort nach seinem Sieg im Großen Preis von Aachen versuchen, auf den Rolex Grand Slam zuzusteuern. Mit einem Sieg in Calgary würden eine halbe Million auf seinem Konto landen. Käme dann noch ein Sieg in Genf dazu, wären es 1,5 Millionen Euro Preisgeld zusätzlich. Es ist verständlich, dass solche Summen locken.

135 Frie Plakat Ahlmann und Beerbaum wo seid ihr

„Calgary war nur ein Aspekt von mehreren“, erklärte Otto Becker. „Die Mannschaft war für ihn wichtig, das war das Hauptziel, das hatte er immer gesagt. Aber für uns ist das auch eine unglückliche Situation. Andererseits sind wir oft dem Vorwurf ausgesetzt, zu viel zu machen. Es sind viele Sachen zusammen gekommen und am Ende muss man sagen, dass die Entscheidung für die Pferde zwangsläufig war. Klar ist aber auch, dass wir normalerweise nicht damit anfangen, auf einer WM unsere Pferde zu schonen. Happy sind wir nicht. Aber ich trage die Entscheidung dennoch mit, denn auch die Reiter tragen von uns alles mit. Deswegen bitte ich um ein gewisses Maß an Verständnis. Wenn das nicht aufgebracht wird, kann ich es auch nicht ändern. Mit der Kritik kann ich leben, auch wenn ich ohne Kritik lieber leben würde.“

Was neben der einmaligen Chance in Calgary Christian Ahlmann dazu bewegte, nicht weiter zu starten, ist der WM-Modus als solcher. Immer wieder steht dieser in der Kritik. Nicht nur der Pferdewechsel als solcher gilt als problematisch, sondern die vielen Runden, die die Pferde am Ende auf dem Buckel haben. Vielleicht sollte also das Format überdacht werden? Sollte der telegene Pferdewechsel weiter Bestandteil einer Weltmeisterschaft bleiben? Während bei der gestrigen Pressekonferenz drei der vier Finalisten den Pferdewechsel begrüßten, übte einer Kritik. Wie würde es wohl aussehen, wenn eine Abstimmung unter den Reitern fernab von Medien stattfinden würde? Wenn jeder Reiter ein Kreuz setzen könnte bei „für den Pferdewechsel“ oder „gegen den Pferdewechsel“? Die Sache wäre wohl eindeutig. Klar, Zuschauer sind wichtig, und dafür auch ein attraktiver Sport. Aber gewinnt man wirklich auf Dauer einen Fan mehr durch das Top 4-Finale?

Ob man wirklich Sorge um die Beteiligung der Athleten an den Weltreiterspielen haben muss, bleibt offen. Die Forderung eines Marcus Ehning nach mehr Geld („Bei jedem anderen Nationenpreis-Turnier gibt es mehr Geld. Ich würde gerne eine würdige Bezahlung sehen.“) ist zumindest eine legitime. Und doch sind die Entscheidungen der Reiter, die hier zurückgezogen haben, Einzelfälle. Ein Christian Ahlmann mit der echten Hoffnung auf zwei weitere fehlerfreie Runden und dem Gewissen, ein Pferd zu haben, das auch den Pferdewechsel gut meistert, wäre sicherlich nicht vorzeitig nach Hause gefahren. Es waren auf diesem Championat eben diverse Punkte, die zu dieser Überlegung führten.

Und dennoch ist es schön, wenn ein junger Darrah Kenny sagt, dass es unglaublich ist, Teilnehmer dieser Weltmeisterschaft zu sein – oder der Olympiasieger Steve Guerdat betont, dass er für solche Championate lebe.