Christopher Burton & Santano II

Australien und Burton übernehmen die Spitzenposition – Enttäuschung im deutschen Team

Es war ein Cross Country-Tag in Rio bei den Olympischen Spielen, der es in sich hatte. Schwer hatten die meisten den Kurs eingestuft, so schwer dann aber vielleicht doch nicht. Gleich zu Anfang kam es zu Stürzen und unschönen Rumplern, die alle harmlos ausgingen, aber klar machten: Hier kann man nicht mal ebenso durchreiten.

Spätestens bei der Olympiadritten von London, der Weltmeisterin und EM-Zweiten des vergangenen Jahres, Sandra Auffarth, war das auch beim Letzten angekommen. Die Deutsche und Opgun Louvo hatten gleich im ersten Wasserkomplex an dem Sprung 4D im Wasser einen Vorbeiläufer. Der Fuchswallach war zu stark an diesem Tag, Auffarth kam mit ihren Hilfen nicht immer durch. Zunächst glaubte man auch, sie habe im letzten Wasser am Frosch einen Vorbeiläufer gehabt, doch wurde nach Videoanalyse von der Jury die Verweigerung wieder gestrichen und die 29-Jährige beendete das Gelände mit 24,8 Punkten (4,8 Punkte für die Zeit). Eine Enttäuschung. Immerhin wurde dieses Paar aufgrund ihrer Erfahrung von Bundestrainer Hans Melzer ganz an die Spitze gesetzt. Sie erklärte im Anschluss: “Wolle war sehr übermotiviert. Er wusste, dass das ein großes Turnier ist. Er hat das oft in den ersten Minuten, aber diesmal kämpfte er bis zum Ende. Das ist ja auch schön, dass er überall drüber wollte, aber er biss sich ein bisschen fest. Ich bin stolz, wie fit er ist, aber es ist schade fürs Team. Dennoch war der Kurs toll zu reiten. Einzig die Linie zum Gatter gefiel mir nicht – das ist kein moderner Aufbau.”

Sandra Auffarth & Opgun Louvo

Sandra Auffarth & Opgun Louvo

Für den Shogun II-Sohn war es die erste Verweigerung im Gelände in seiner Karriere. “Darüber bin ich schon etwas fassungslos”, gab Auffarth zu. “Das hat mich auch kurz irritiert im Kurs, aber ich habe mir dann gesagt, abhaken, und schnell weiter reitern. Immerhin ist er nur ein Pferd und ich nur ein Mensch – da können Fehler passieren.”

Dass man den Kurs ohne Springfehler und in der Zeit absolvieren kann, zeigte gleich als zweiter Starter der Franzose Astier Nicolas mit Piaf de B’Neville. Von Platz elf ging es für den 27-Jährigen, der in Großbritannien lebt, mit 13-jährigen französischen Wallach auf Platz drei vor dem abschließenden Springen. Doch so ganz glücklich wirkte er auch nicht. “Wir haben zwar alle Reiter nach Hause gebracht, aber nicht alle gleich gut. Wir sind von Rang zwei auf drei zurückgefallen.”

Nicolas Astier & Piaf de B'Neville

Nicolas Astier & Piaf de B’Neville

Die zweite von drei Geländerunden “clear in time” kam von Christopher Burton mit seinem “Dressurpferd” Santano II. Der Sandro Hit-Sohn, der über die Mutterseite den Hannoveraner Dressurvererber Brentano II genauso wie Weltmeyer führt, ist noch nicht allzu erfahren. Burton selbst bezeichnet ihn als “sehr, sehr grün”. Fast unglaublich bei dieser Dressur-Abstammung schnurrte der erst neunjährige Wallach durch den Michelet-Kurs und ließ einen selbst verdutzten Reiter zurück: “Um ehrlich zu sein – damit hätte ich niemals gerechnet. Ich genieße heute, was immer morgen auch passiert.” Mit seinem Ritt liegt Burton nun ganz vorne vor dem Springen, denn nur zwei Pferde nach ihm ließ auch der Brite und bis dato Führende William Fox-Pitt mit Chilli Morning Federn. Nach dem Tiefsprung an Hindernis 19 hatte er in der 20er-Kombination eine Verweigerung und ließ es insgesamt auch nicht zu schnell angehen – sodass er am Ende mit 30,4 Punkten aus dem Gelände kam und von Rang 1 auf Rang 22 zurückfiel. “Es war komplett mein Fehler, ich war zu weit links”, so der Brite. “Er war großartig. Es ist ein Luxus, ihn zu reiten.”

Nur zwei Reiter nach Fox-Pitt folgte das nächste “Kaliber”, Mark Todd. Mit Leonidas II, einem Holsteiner Wallach, der bereits in Caen bei der WM am Start war, kam er mit nur zwei Zeitstrafpunkten ins Ziel und positioniert aktuell auf Rang vier im Einzel, mit der Mannschaft ganz vorne. “Als wir den Kurs abgegangen sind, wussten wir, er würde schwer werden, aber es gab genug Alternativen, die perfekt zu springen waren. Aber wenn man eine Medaille gewinnen will, muss man natürlich schnell und mutig nach vorne reiten.” Er selbst hatte dir Order vom Team, sicher zu reiten, und wurde dazu angehalten, einen langen Weg zu reiten: “Kurz habe ich überlegt, ob ich mich gegen die Anordnung entscheide, aber dann dachte ich, ich sollte mich lieber benehmen.”

Michael Jung & Sam

Michael Jung & Sam

Direkt im Anschluss: Michael Jung. Der Titelverteidiger, der die Chance hat, mit seinem Olympiapferd von 2012 ein weiteres Mal Gold zu gewinnen. Und den Anspruch auf das Edelmetall machte er auch deutlich. Souverän und 15 Sekunden (!) unter der Zeit kam der Deutsche mit dem 16-jährigen Württemberger Wallach ins Ziel (“Die Zeit war einfacher als gedacht, wahrscheinlich, weil die Pferde so leicht galoppieren und das Klima heute sehr angenehm war!”). Na also, es ging doch, dachte man da aus deutscher Sicht. Dabei war die Vorbereitung für den Stan the Man xx-Sohn alles andere als gut, wie Jung später sagte: “Es war unglaublich viel Druck von außen auf dem Abreiteplatz – die Lautsprecher, die Besucher, Pferde auf der Strecke, die schon galoppierten… Das hat ihn unglaublich stark gemacht und bei den ersten Hindernissen merkte ich das. Er zog so stark los und wollte nur noch rennen. Aber er hat letztlich alles wunderbar gelöst. Wir mussten zwar kämpfen, der Kurs war schwer, aber er ist frisch ins Ziel gekommen. Das Wichtigste ist immer, dass die Pferde gut nach Hause kommen.” Eine Order nach dem verhaltenen Auftakt von Sandra Auffarth hatte Michael Jung nicht bekommen. “Ich habe auch nicht lange darüber nachgedacht”, so der Multi-Champion. “Aber es war schon bitter, dass es so angefangen hat.”

Doch es kam noch bitterer. Julia Krajewski, das Championatsküken, das kurzfristig für Andreas Ostholt in Rio eingewechselt wurde, hatte mit Samourai du Thot ihr Debüt. An 17b, der Palm Tree Question, einer luftigen Ecke, war Schluss. Der Druck auf die 27-Jährige nach dem gewaltigen Presseecho auf die Auswechslung im Team war sicherlich noch größer als es bei einem Championatsdebüt bei Olympia ohnehin schon gewesen wäre, doch wirkte die Pferdewirtschaftsmeisterin in den letzten Tagen entschlossen. Was war im Gelände passiert? Es fing schon an mit dem Wassereinsprung 4B, gleich zu Anfang. Verweigerung an dem Tiefsprung, einer verhältnismäßig einfachen Aufgabe, die aber relativ früh im Gelände gestellt wurde. Dann ebenso ein Vorbeiläufer am Trapez nach der 8er-Kombination. Und schließlich das Aus an der Ecke 17b. Enttäuscht versuchte sich Julia Krajewski zu erklären: “Ich hatte sehr schnell das Gefühl, dass Sam nicht so richtig mit dem Kopf im Gelände war. Eine Erklärung habe ich dafür nicht, denn sonst gibt er mir immer ein sehr sicheres Gefühl. Er war überhaupt nicht auf das Gelände konzentriert. Ich bin unheimlich enttäuscht.” Der Blick der Deutschen sprach Bände. “Aber ich glaube, dass wir den Anforderungen gewachsen waren. Das sind alles Aufgaben gewesen, die wir so schon geritten sind. Dass der Parcours schwer war, war klar, aber die Aufgaben kamen sehr gehäuft und das Terrain war nicht leicht.” Am Abreiteplatz, so erklärte sie weiter, hatte sie noch kein schlechtes Gefühl. “Da war er frisch und kernig. Ich bin doch in gewisser Weise geschockt.”

Ingrid Klimke & Hale Bob

Ingrid Klimke & Hale Bob

Doch auch die anderen Nationen hatten ihre Probleme. Mit einer Nullrunde von Ingrid Klimke auf Hale Bob zum Abschluss – das war nach wildem Hin- und Herrechnen klar – würden die Deutschen als Führende ins morgige Springen gehen. Doch auch sie kam nicht mit weißer Weste ins Ziel. Bis zum letzten Wasser lief es bei den beiden richtig gut – und dann war es nicht der von ihr erwartete Frosch, sondern der zweite Fisch, den Bobby nicht wahrnahm. Auch einmal vorbei gerannt, weitere 20 Punkte für die deutsche Mannschaft. Damit liegen die Deutschen mit 172,8 Punkten auf Rang vier hinter den führenden Australiern (150,3 Punkte), die auch nur noch drei Teamreiter haben, sowie den Neuseeländern mit nur noch drei Reitern (154,8 Punkte) und Frankreich (161 Punkte).

Ingrid Klimke: “Meine Order war ‘clear round in time’ und bis zum neunten Minutenpunkt war ich das auch. Bobby hatte den zweiten Fisch einfach nicht auf dem Schirm. Es ging haarscharf daran vorbei.” Eine Erklärung dafür hatte sie auch – der Kurs habe die Pferde mental extrem gefordert, immer wieder gehe es “links-rechts-schnell-rauf-runter-vor-und-zurück”. “Ich glaube, ich hätte ihn mit der Gerte da hinlenken müssen”, so die Reiterin aus Münster. “Aber er hat so einen guten Job gemacht, eigentlich hätte er einen Orden verdient. Ich hatte noch kurz überlegt, ob ich die Alternative wähle, aber dann wollte ich die Herausforderung. Ich war überzeugt davon, dass er alles kann. Ich glaube, er hat erst danach realisiert, dass der zweite Fisch noch dazu gehörte.”

Nachdem es bei nicht all ihren Mannschaftskollegen so gut lief, hatte Klimke von Chris Bartle mit auf den Weg bekommen “You will stand the pressure – ride with a smile”. Zwar konnte Ingrid Klimke am Ende noch lächeln (“Ich fand es fantastisch!”), doch wusste sie auch: “Ich glaube, heute sieht man im Stall mehr enttäuschte Gesichter als fröhliche.” Dass man drei gute Springer habe, gebe ihnen aber ein gutes Gefühl. “Aber ich glaube nicht, dass wir einen Caipi heute Abend trinken werden”, so Klimke. Und eine Anmerkung hatte sie noch zu der Kulisse: “In Everswinkel ist mehr los als hier. Aber ich habe ein paar Deutsche gehört, die haben wirklich alles gegeben, immerhin.”

Bezüglich der Anforderungen des Kurses erklärte Ingrid Klimke: “Ich weiß nicht, ob man so einen Kurs bei Olympischen Spielen haben muss – aber das muss hinterher analysiert werden.” Der Parcoursdesigner Pierre Michelet erklärte: “Ja, es war eine Herausforderung, aber man konnte überall die längeren Wege wählen. Dass es so viele Stürze gab, hat mich allerdings selbst überrascht. Nach den ersten zwei Stürzen allerdings haben die meisten ihre Strategie geändert.”

Der deutsche Bundestrainer Hans Melzer zog als Fazit: “Michi hat gezeigt, dass er Weltklasse ist. Sandras Pferd war heute so sark und Ingrid sollte dann alles rausreißen. Man sieht, dass auch immer etwas Glück dazu gehört. Wir haben in der Vergangenheit viele tolle Tage erlebt, heute war es ein nicht so toller Tag. Dass Julias Sam so guckig war, war ungewöhnlich. Sie hatten Steuerungsprobleme.” Auf die Frage, ob man nicht vielleicht doch besser mit Andreas Ostholt gefahren wäre, meinte der Bundescoach: “Es ging hier ja nicht um die Leistung, sondern wir haben nach der Gesundheit entschieden. Hinterher ist man immer schlauer. Natürlich sind wir insgesamt  enttäuscht, aber wir sind auch verwöhnt.”

Fotos: Stefan Lafrentz