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Steve Guerdat: „Ich reite jedes Mal mit Angst“

Steve Guerdat sprach während der Stuttgart German Masters offen über die Futterkontamination, die sein Leben plötzlich einmal umdrehte.

Mitte Mai war es, als Steve Guerdats Spitzenpferde Nino des Buissonnets und Nasa in La Baule positiv auf die verbotenen Substanzen Codein und Oripavin sowie die kontrollierte Medikation Morphin getestet wurden. Der Olympiasieger von London wurde im Juli provisorisch für zwei Monate gesperrt, ebenso seine Pferde. Eine Woche später wurde die Sperre von Guerdat wieder aufgehoben. Er konnte nachweisen, dass die positiven Proben durch eine Futterkontamination infolge von Schlafmohnsamen zustande kamen. Die Pferde blieben für die zwei Monate weiter gesperrt. Ende September erfolgte der offizielle Freispruch des Schweizers.

Sie hatten ein ganz schweres Jahr – das schwerste?

Steve Guerdat: Ja, wahrscheinlich ja.

Als Sie erfahren haben, dass positive Dopingproben bei Nino und Nasa vorliegen – was ging Ihnen da durch den Kopf? Haben Sie an so was wie Manipulation oder bereits an Futterkontamination gedacht?

Es war ja so, dass mich der Verband über die zwei positiven Fälle in La Baule informiert hatte. Für mich brach in diesem Moment eine Welt zusammen. Allerdings hatte die FEI direkt in ihrer ersten Veröffentlichung bereits darauf hingewiesen, dass eine Futterkontamination wahrscheinlich ist. 30 Prozent der Dopingfälle in der Vergangenheit zeigten die Kombination dieser Substanzen. Es war schon bewiesen, dass diese Kombination für eine Futterkontamination spricht. Die FEI arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits an einer neuen Liste für verbotene Substanzen, aber die war noch nicht fertig. Und so musste ich beweisen, wie die Substanzen in den Körper gekommen sind und dass ich nicht fahrlässig gehandelt habe.

Was war Ihre größte Sorge? Ihr guter Ruf, den Sie sich in all den Jahren erarbeitet haben oder die anstehende EM – Sie mussten sich mit der Mannschaft noch für die Olympischen Spiele qualifizieren?

Für mich ging die ganze Zeit nur der Vorwurf des Dopings durch den Kopf. Durch die tierärztliche Seite war zwar klar, dass es eigentlich nur die Verunreinigung des Futters sein konnte, aber ich stellte mir ständig die Frage: Wie kann ich das beweisen? Das Problem war ja auch, dass ich die Info über die positiven Proben neun Wochen später bekam.

Wo man einen neuen Futtersack aufgemacht hat, der vielleicht nicht verunreinigt ist…

Genau. Oder wenn es im Heu war, kann es sein, dass der obere Teil des Ballens etwas enthält, der andere nicht mehr. Und damit werden zwei Jahre Sperre riskiert.

Hatten Sie darüber nachgedacht, den Futtermittelhersteller zu verklagen?

Nein – ich kann denen auch nicht die Schuld geben. Schuld ist das Reglement. Auch die Produzenten können nicht alles kontrollieren.

 

Die Reaktionen Ihrer Kollegen waren positiv – hatten Sie daran gedacht, solch eine Solidarität zu erfahren?

Es haben sich natürlich viele Freunde gemeldet, aber es waren auch ganz viele darunter, von denen ich es nicht erwartet habe. Das war schon etwas Besonderes.

Als Sie von den Vorwürfen freigesprochen wurden, was für ein Gefühl war da: Ärger, Wut, Erleichterung?

Alles zusammen. Die Erleichterung vor allem darüber, dass ich endlich sprechen konnte. Dass es durch das Futter kam, wusste ich ja schon längst. Aber dass ich die ganze Zeit nicht reden konnte, war mühsam. Naja – und Ärger und Wut ist nach wie vor da.

Haben Sie Angst, jetzt immer mit Doping in Verbindung gebracht zu werden?

Ich glaube nicht, dass das Wort Doping mir jetzt ewig nachruft, nein. Aber für mich wird es immer ein Vorher und ein Nachher geben. Was gut war: Die Mehrheit der Journalisten hat von Anfang an die Situation richtig eingestuft. Aber es gibt natürlich auch die, die mit Pferden nichts oder nur wenig zu tun haben – und die werden mich immer unter diesem Aspekt betrachten.

Sie haben im Nachhinhein, als alles vorbei war, Kritik daran geäußert, wie die FEI mit solchen Dopingfällen vorgeht. Was genau stört Sie?

Zwei Sachen: Die erste ist die, dass man schuldig gesprochen wird, bevor man sich erklären kann – und dass man schuldig ist, bis man die Unschuld bewiesen hat. Normalerweise ist es so, dass man unschuldig ist bis man schuldig gesprochen wird, aber bei der FEI ist alles gegenteilig. Die zweite Sache: So einfach, wie das Reglement ist, ist es einfach nicht. Man kann nicht einfach nach Listen arbeiten. Wenn das Reglement so bleibt, reite ich jedes Mal mit Angst. Die Regelungen sind zu weit weg von der Realität. Wie soll ich bei einem Pferd kontrollieren, was es alles isst, wenn ich es als Mensch für mich selbst nicht kann? Ich will mein Pferd auf die Weide stellen, ich will es auf einem Turnier grasen lassen… Wenn ich nach Übersee fahre, muss ich das Futter von dort nehmen. Wie soll ich wissen, dass dort nichts drin ist? Die Grenzwerte, die wir haben, haben nichts mit der Realität zu tun. Ich müsste die tausendfache Menge haben, um einen Effekt beim Pferd zu erreichen.

Haben Sie daran gedacht, dass Ihnen das jemals passieren kann?

Gar nicht. Jetzt weiß ich, dass es viele gleiche Fälle gibt. Das Schlimme daran: Andere durften acht Monate nicht reiten, weil sie nicht die Kontakte haben, die ich habe, und nicht die finanziellen Möglichkeiten. Deswegen mache ich mir einen Vorwurf.

Inwiefern?

Ich hätte diese Fälle im Vorfeld wahrnehmen und ihnen Beachtung schenken können. Vielleicht hätte ich helfen können.

Haben Sie denn Vorschläge, wie man das Doping-Reglement verbessern kann?

Auf jeden Fall muss Intelligenz reinkommen. Es werden Spezialisten benötigt, die die Resultate lesen können. Man kann nicht einfach ein Buch in die Hand nehmen und sagen: So und so ist es. Wenn ein positiver Dopingfall vorliegt, müssten diese Spezialisten den Fall im Einzelnen analysieren. Man muss Doping bekämpfen, das ist mir sehr wichtig, aber es funktioniert eben nicht nach Liste.

Haben Sie den Eindruck, die FEI bemüht sich um Änderungen?

Zu wenig. Es muss immer erst etwas ganz Schlimmes passieren, damit etwas passiert. Das sieht man aktuell auch wieder im Weltgeschehen.

Jetzt wollen wir aber wenigstens auch noch kurz zum Sport kommen. Ihre Kollegen haben in Aachen ohne die Schweizer Säulen im Team – Sie und Pius Schwizer – die Olympiaqualifikation perfekt gemacht. Eine Überraschung?

Nicht wirklich. Sie waren die ganze Saison über ganz stark. Aber wie sie es in Aachen geschafft haben, war unglaublich.

Wie sehen Sie Ihre Chancen in Rio: Ist die Titelverteidigung möglich?

Zunächst ist das Ziel, dass Nino dort hin kann und fit ist. Eine Chance ist natürlich da – und ich werde versuchen, alles richtig zu machen.

Das Gespräch führte Monika Schaaf

(Erschienen im Reiterjournal Extra)

Foto: Karl-Heinz Frieler