Rio 2016

Só Alegria: Von Schutzengelchen, Leggings, Sonnenbrillen und Packlisten

Wussten Sie schon, dass “Só Alegria” das Motto des Karnevals in Rio ist? Übersetzt heißt das “Nur Freude” – und unter diesem Motto will ich die nächsten Wochen meine persönlichen Erlebnisse und Eindrücke aus, in und um Rio bloggen.

“Só Alegria” haben sich offensichtlich auch die deutschen Vielseitigkeitsreiter zum Motto gemacht. Sie gastieren aktuell – wie schon die letzten Jahre vor Championaten – am Rodderberg in Bonn, wo einfach ideale Trainingsbedingungen herrschen und das Team zu einem echten Team wird. Von Anspannung war unter den Athleten und Trainern noch nichts zu spüren. Stattdessen: gute Laune und Urlaubsfeeling. “Hier kann man mal durchatmen und durchschlafen”, erzählte Ingrid Klimke, die mit Horseware Hale Bob die Reise nach Rio antritt. “Die Zeit wurde jetzt echt knapp nach Aachen. Ich war noch drei Tage im Ponycamp mit den Kindern – aber jetzt ist es gut, dass wir hier sind.” Auch Olympia-Neuling Andreas Ostholt stimmte in den Tenor ein: “Mit einem Pferd hier hat das nicht so viel mit Arbeit zu tun.”

Michael Jung, Chris Bartle, Andreas Ostholt, Sandra Auffarth, Ingrid Klimke, Julia Krajewski, Hans Melzer

Michael Jung, Chris Bartle, Andreas Ostholt, Sandra Auffarth, Ingrid Klimke, Julia Krajewski, Hans Melzer

Etwas Nervosität kam noch mal kurz vor dem Trainingscamp auf, als klar wurde, dass Michael Jungs Takinou nicht mit nach Rio kann und Sam als Ersatzpferd ran musste. Hans Melzer: “Zunächst war die Ursache des Fiebers von Takinou nicht klar, bis wir wussten, dass es von einem Zeckenbiss kam. Dann kamen ja schon Gerüchte auf, Michi könne gar nicht reiten, aber er war mit den drei Pferden nominiert und auch im System. Das Wechseln auf ein anderes Pferd ist bei Olympischen Spielen aber eben nicht so einfach wie bei einem anderen Turnier. Man benötigt ein tierärztliches Gutachten, dann muss die FEI zustimmen, das IOC und zuletzt noch Rio selbst.”

Michael Jung & Sam

Dass Sam “nicht unbedingt Plan B” (Hans Melzer) sei, erklärte dann auch der Reiter selbst: “Wir sind ein eingespieltes Team und kennen uns in- und auswendig. Wir gehen positiv und mutig an die Sache ran. Letztlich ist es schon so, dass junge Pferde nachkommen müssen, aber Sam ist top gesund und gibt mir ein gutes Gefühl.” Es sei immer wichtig, das richtige Gefühl für die Balance zu haben, wie viel man mit einem Pferd machen könne, so Jung: “Aachen war schon sehr knapp vor dem Championat, aber letztlich sind das dort immer ideale Bedingungen. Und man kann die Pferde auch nicht in Watte packen.”

Auch Ingrid Klimkes Hund kann in Bonn-Rodderberg abschalten

Auch Ingrid Klimkes Hund kann in Bonn-Rodderberg abschalten

Das weiß auch Julia Krajewski, die als Reservereiterin erstmals Championatsluft schnuppern kann. Sie hat auch einen “Sam” mit dabei, Samourai du Thot nämlich. Die Pferdewirtschaftsmeisterin hat sich so vorbereitet, als müsste sie reiten. “Ich kann ja nicht einfach alles einstellen”, so die 27-Jährige. “Und man kann auch nicht den ganzen Tag vor der Box sitzen und das Pferd beschwören, dass es ja gesund bleibt.” Die Diplom-Trainerin zeigte sich in Bonn wahrlich sportlich – sie freut sich auf ihre Aufgabe als Reservereiterin: “Ich bin mit der Reserve-Position schon sehr, sehr glücklich. Ich hoffe, dass ich die anderen in irgendeiner Weise unterstützen kann und hoffe letztlich nicht, dass ich am Ende reiten muss.”

Andreas Ostholt präsentiert sein "Lieblingsoutfit": die Leggings

Andreas Ostholt präsentiert sein “Lieblingsoutfit”: die Leggings

Ganz großes Thema im gesamten Team: Was nehmen wir alles mit auf die große Reise? Schon vor Wochen habe man Packlisten schreiben müssen, erklärte Krajewski, die nun auch stimmen müssten, und auch Bundestrainer Hans Melzer haderte mit der Tatsache, dass noch unheimlich viel zu packen sei: “Wir haben einen Berg an Ausstattung in Hannover von Adidas bekommen und fragen uns schon ständig ‘Wann ziehen wir was an und was lassen wir unter Umständen da?'”. Zumindest ein Kleidungsstück aus der Adidas-Kollektion, die übrigens alle deutschen Sportler für Rio einheitlich bekommen haben (es gibt Ausgeh-Outfits genauso wie Tagesoutfits), dürften wohl die meisten männlichen Reiter zu Hause lassen: die Leggings für die Eröffnungsfeier, die der modebewusste Mann heute unter einer Shorts trägt. Da die Vielseitigkeitsreiter aber nicht bei der Eröffnungsfeier dabei sein werden, weil sie am nächsten Tag in den Wettbewerb starten (Ausnahme Ingrid Klimke, wenn sie die Fahne tragen darf – Abstimmung noch möglich!), wird das hautenge Stück wohl (leider) Zuhause bleiben müssen. Hingegen unbedingt mit eingepackt wird (zumindest von Andreas Ostholt) die neonorangerote Sonnenbrille und das dazu passende Baseball-Cappi wahlweise in schwarz oder auch in neonorangerot. Rio ist bunt – da dachte sich wohl der Ausstatter, darf auch etwas Farbe an die Sportler. Eine Alternative zu dieser Sonnenbrille gibt es übrigens nicht. Wer mit Sonnenbrille reiten will, muss das farbenprächtige Stück anziehen. So streng sind die Olympia-Regularien.

Andreas Ostholt und das etwas außergewöhnliche Outfit für den Kopf

Andreas Ostholt und das etwas außergewöhnliche Outfit für den Kopf

Sandra Auffarth übt auch schon mal, wie man besonders lässig mit der Cappi aussieht

Sandra Auffarth übt auch schon mal den besonders lässigen Look

Doch auch persönliche Stücke und Glücksbringer nimmt das deutsche Buschteam mit nach Rio. Bei Weltmeisterin Sandra Auffarth sind es gleich mehrere Glücksbringer – manche noch gar nicht auspackt – Ingrid Klimke denkt an die Team-CD, die jedes Jahr dabei ist und für die jeder zwei Musikstücke aussuchen durfte, Julia Krajewski entscheidet sich für ihren Glücksgürtel (sollte sie denn reiten) und zwei Bücher, Michael Jung nimmt ein T-Shirt mit, auf dem alle aus dem Stall unterschrieben haben, Andreas Ostholt hat neben Schutzengelchen, Schutzsteinchen und einem Aachen-Pferd auch noch Glücksunterwäsche im Gepäck (übrigens auch Chris Bartle) und Hans Melzer packt Zigarillos ein, die ihm jedes Jahr geschenkt werden und erst nach der Siegerehrung geraucht werden dürfen.

Doch trotz Siegerehrungs-Zigarillos: Überheblich fährt niemand nach Rio de Janeiro. Hans Melzer: “Das wird kein Ausflug. Der Druck ist da. Alle erwarten von uns den Sieg. Aber der Aufbauer spaßt nicht gerade mit leichten Sachen. Wir erwarten einen sehr sportlichen Geländekurs.” Dennoch weiß Melzer: “Unsere Truppe ist mental sehr stark, sie wissen was sie können und wir wollen nach der Dressur gleich vorne liegen.”

Team Deutschland ist bereit

Team Deutschland ist bereit

Vor dem langen Flug ist keinem wirklich bange, auch nicht um die Pferde, auch wenn Michael Jung sagt: “Man macht sich immer Gedanken um die Pferde, das sollte man ohnehin jeden Tag. Aber sie sind in besten Händen und reisen komfortabler als auf dem LKW. Die Betreuer können ständig nach ihnen gucken und sie haben viel Platz.” Allerdings: Es ist nur ein Betreuer im “Passagierraum” der Pferde zugelassen. Bei den Vielseitigkeitspferden wird Klimkes Pflegerin Carmen Thiemann mitfliegen, bei den Springreitern Kay Neatham, Pflegerin von Marcus Ehnings Pferden, und bei der Dressur – ja – Isabell Werth selbst, da sie über die größte Flugerfahrung mit Pferden bei den Dressurreitern verfügt.

Rio kann kommen

Rio kann kommen

Ach, den Handwerkerkoffer für mögliche anstehende Reparaturarbeiten im Olympischen Dorf lassen die Buschis übrigens auch in Deutschland. Die nehmen es nämlich – wie immer – locker. Hans Melzer: “Ach, in Londonlief auch die ein oder andere Dusche über und Toiletten nicht ab – aber im Laufe der Spiele lief sich das dann ein.” Und Disziplintrainer Chris Bartle ergänzend: “Das ist doch Teil des Abenteuers. Nun kann die Party beginnen!” Das ist sie also – die “Só Alegria!”

Fotos: FN-Uta Helkenberg/privat