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Só Alegria: Von Samba am Strand, gepflegtem Ambiente und einem erneuten Heiratsantrag

Nach den Vielseitigkeitsreitern haben auch die Dressurreiter nun ihre Wettkämpfe beendet – mit einem Valegro auf seinem Höhepunkt zum Karriereende. Das kompakte Bewegungswunder wird kein weiteres Championat mehr bestreiten, das ist klar. Vielleicht war es sogar der letzte Ritt der Britin Charlotte Dujardin mit dem 14-jährigen KWPN Wallach, der mit seinem zweiten Gold in Folge in die Geschichtsbücher eingeht. Das gab es zuvor nur für Salinero und Anky van Grunsven sowie Rembrandt mit Nicole Uphoff. Schade, dass wir “Blueberry”, wie Valegro im Stall heißt, nun nicht mehr sehen werden.

Vier Jahre lang gehörte Valegro zur absoluten Weltspitze und war bei fehlerfreien Auftritten – wie gestern in der Kür – wirklich unantastbar. Vier Jahre sind eine lange Zeit. Das weiß auch Charlotte Dujardins Verlobter Dean Golding. Der hatte seine langjährige Freundin nämlich bereits bei den Olympischen Spielen in London gefragt, ob sie ihn heiraten wollte. ‘Ja’, hatte sie gesagt, ihn aber weiter zappeln lassen. Nun dachte sich Dean wohl, müsse er den Antrag in größerem Stil machen – dann könne sie sich nicht mehr um den Altar drücken, wenn die ganze Welt Bescheid weiß. Und ja, Charlotte gab vor versammelter Presse bekannt, dass es nun wirklich Zeit wird.

Paul Sprehe

Paul Sprehe

Zeit wurde es auch mal für uns, was anderes als Pferde zu sehen. Das haben wir an dem freien Tag vor den Dressurentscheidungen dann auch geschafft. Sightseeing hieß es da. Hoch zum Cristo Redentor. Beim Versuch, mit fünf Leuten und daher zwei Taxen, die Statue anzusteuern, mussten wir allerdings feststellen, dass offensichtlich mehrere Wege zu dem Heiligen führen. Während Kollege S. und meine Person von unserem Fahrer zu einer oberen Busstation gebracht wurden, landeten die Kollegen aus Tschechien, Österreich und der Schweiz an der unteren Bahnstation. Damit mussten wir unsere Wege dann auch für den restlichen Tag trennen, ist eine Kommunikation innerhalb des Landes doch äußerst schwierig, möchte man nicht eine Telefonrechnung haben, die keiner mehr bezahlen kann. Für uns hieß es dann: Schlange stehen. Aber wir hatten dabei Gesellschaft. Der komplette Anhang von Medaillengewinnerin Kristina Bröring-Sprehe – Ehmann, Eltern, Schwiegereltern – hatte ebenso die Idee, den beeindruckenden Cristo zu besuchen. Papa Paul Sprehe nutzte die Wartezeit vor dem Boarding (ja, jeder zog hier einen Boarding-Zettel mit einer minutengenauen Uhrzeit, wann man sich in die Schlange für den Bus stellen kann), sich eine neue Hutbedeckung zu kaufen. “Steht mir doch, oder?”, fragte der stolze Papa. Klar. Einen Modepreis kann man mit dem Exemplar sicherlich nicht gewinnen, aber vor der Sonne schützt er in jedem Fall.

Oja, heiß war es die letzten Tage wirklich. Die Monitore auf der Pressetribühne hat es mittlerweile zerschmolzen. Morgens scheint die Sonne erbarmungslos auf die Arbeitsplätze, aber ab mittags haben wir unterm Dach und auch in der Mixed Zone wohl das beste Plätzchen auf dem Gelände. Das stellte auch Ludger Beerbaum fest, als er nach der ersten Qualifikation nass bis auf die Haut geschwitzt in die schattige Journalistenecke kam. “Wir grillen auf der Tribüne – ihr habt es hier wirklich gut” – merkte er an. Stimmt. Meist ist es andersrum.

Eine etwas andere Fotoposition

Eine etwas andere Fotoposition

Aber wieder zurück zum Ausflug. Oben am Cristo angekommen drängten sich die Menschenmassen. Um den besten Fotoplatz rüber zum Zuckerhut zu bekommen, hieß es wieder Warten, bis jeder von sich ein Selfie gemacht hatte, auf dem Frisur und Lächeln stimmten. Auf den Metern hin zu dem Aussichtspunkt fragte ich mich, warum eigentlich manche auf dem Boden liegen. Bis mir mein Fotografenkollege erklärte: “Na, wegen dem da oben.” Ach ja, jetzt hatte ich es auch verstanden: Der überdimensionale Cristo ist nämlich gar nicht so einfach mit dem Fotoapparat einzufangen, so steil ragt er da 30 Meter empor. Liegend aber geht das viel einfacher. Wer also den Mut hat, sich zwischen die hunderte von Menschenbeine zu begeben, nahm auf einer der vorhandenen Matten Platz, um den Cristo in Gänze als Erinnerung festzuhalten.

Ausblick vom Cristo

Ausblick vom Cristo

Nach ca. vier Stunden Auf- und Abstieg mit Schlangestehen an verschiedenen Punkten – aber: der Ausblick entlohnte definitiv für alles Warten – steuerten wir als nächstes die Copacabana an. Wow! Wenn die Stadt lebt, dann hier. Hier spürt man das, was man sich von Brasilien erwartet: Lebensfreude! Só Alegria! Um vier Uhr mittags wird in den Strandbars gesungen und getanzt, alle lassen ihre Popos wackeln und trällern lauthals mit zu Sambasongs, die wohl den Status von Schlagern bei uns haben. Und wer nicht tanzt oder Caipi trinkt, der spielt hier Beachvolleyball. Ein Feld reiht sich an das andere – und das in mehreren Bahnen.

Brasilianische Lebenslust in einer Strandbar

Brasilianische Lebenslust in einer Strandbar

Zum Abschluss des freien Tages waren wir dann dank unserer FN-Oberen zu einem schicken Italiener eingeladen. Ein gemeinsames Essen hat schon fast Tradition bei Championaten und ist immer ein schönes Zusammenkommen in lockerer Atmosphäre. Gerade in diesem Jahr haben wir aber auch die Tischkultur und das gute Essen besonders genießen können. Allerdings – das mussten wir auch zugeben, fühlte es sich schon fast komisch an. Hier der noble Italiener in einer Ecke, die wir von Rio noch nicht kannten mit gigantischen Penthouse-Wohnungen im Umkreis, wenige Meter weiter wieder die Armut. Es ist eine Stadt mit großen Gegensätzen.

Mal sehen, ob wir noch mehr Eindrücke am freien Donnerstag bekommen können. Jetzt heißt es Daumen drücken im ersten Teamspringen, das gerade läuft.