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Só Alegria – Jubelfeier im Deutschen Haus, Taxifahrer, die Englisch verlernen und immer wieder Schießereien

Heute sind die meisten von uns in dem Loch, in dem sich Michael Jung wohl kurz nach seiner Titelverteidigung fühlte. Da war unser Gold-Junge nämlich einfach nur müde, als die ganze Anspannung abgefallen und die Pressefragen auf ihn einprasselten. Irgendwie ist ein wenig die Luft raus nach der ersten Medaillenentscheidung, aber spätestens, wenn unser vierbeiniges Talent Cosmo mit Sönke Rothenberger ins Viereck einläuft (oder kurz zuvor Adelinde Cornelissens Parzival) werden auch wir wieder alle wach sein.

Noch mehr werden allerdings vermutlich die deutschen Buschreiter heute mit Übermüdung kämpfen. Die haben es nämlich ganz schön krachen lassen gestern Abend im Deutschen Haus, in dem Hans Melzers Truppe mit einem Licht- und Nebelauftritt spektakulär begrüßt und anschließend gefeiert wurde. Auch wir hatten die Chance genutzt, einmal im Deutschen Haus vorbei zu sehen, ganz in der Nähe der Copacabana, in einer deutlich besseren Gegend als denen, die wir bisher von Rio gesehen haben. Schön ist es da, ein gemütliches Ambiente, gutes Essen, leckere Drinks. Der komplette Vielseitigkeitsreiter-Anhang war auch da, Familie, Freunde, Pferdebesitzer – aber auch die deutsche Dressurmannschaft und ein Teil der Mannschaftsführung der Springreiter. Auch Marcus Ehning war gekommen, um mit seinem “Schüler” im Springen, Michael Müller – ähm – Jung, anzustoßen. Ja, da guckte auch Gold-Michi nicht schlecht, als ein Radioreporter ihn mit Michael Müller ansprach und konnte sich ein Grinsen nur schwer verkneifen. “Naja, fast richtig” – meinte der neue und alte Olympiasieger. 

Die deutschen Buschis im deutschen Haus

Die deutschen Buschis im deutschen Haus

Sogar Andreas Ostholt war mit ins Deutsche Haus gekommen, auch wenn es ihm schwer fiel, dass die anderen, und nicht er, beklatscht wurden. Doch der in Rio zum fünften Mann degradierte Reiter gab sich als Teamplayer, wie Ingrid Klimke noch mal herausstellte. Obwohl Andreas die bittere Pille habe schlucken müssen, habe er für jeden von ihnen ein T-Shirt gemalt mit persönlicher Botschaft – und die hätten sie alle in ihre Boxen gehängt. Offensichtlich waren es nicht die schlechtesten Glücksbringer. 

In Sachen Team-Building scheinen in diesem Jahr auch die Springreiter neue Wege zu gehen. Bundes-Coach Otto Becker wusste, dass gestern in seiner Truppe unbedingt alle dasselbe Hemd anziehen wollten. Offensichtlich möchte man nicht nur Einheit nach außen demonstrieren, sondern sie fühlen sich auch als Einheit. Deswegen war für die vier auch klar, dass sie unbedingt ins Olympische Dorf wollen. Das sei ihr ausdrücklicher Wunsch gewesen, so der Bundestrainer. Nicht immer in der Vergangenheit hatte man Lust auf ein WG-Leben.

Als Gemeinschaft sollte man in Rio ohnehin nur auftreten, das gilt auch für uns. Gestern morgen berichtete uns eine kanadische Kollegin, dass man ihr Fotoequipment aus dem Medienshuttle geklaut hatte. Und heute morgen ging durch alle Kanäle, dass ein Journalistenbus in Deodoro vom Rugby-Stadion zum Main Press Centre attackiert wurde. Ob mit Steinen oder Schüssen ist nicht klar. Das Rugby-Stadion ist direkt gegenüber von uns. Wenig beruhigend. Aber auch Vielseitigkeitsreiter Dirk Schrade – hier als Coach für den Japaner Yoshi Oiwa unterwegs – soll in einem Auto in eine Schießerei geraten sein. Das hätte uns vermutlich gestern auch passieren können, als wir mit dem Taxi zum Deutschen Haus fuhren und durch das wilde Leben von Rio kurvten. Als wir auf der Rückfahrt drei Mal so lange brauchten, natürlich auch den dreifachen Preis zahlten und wir dem Taxifahrer versuchten, zu erklären, dass wir dazu nicht bereit sind, verlor der dann plötzlich sein verhältnismäßig gutes Englischvokabular von jetzt auf gleich. Nachdem er sich irgendwann wieder daran erinnern konnte, ein paar Brocken Englisch zu sprechen und uns vermitteln konnte, dass wir eine “Safe Route” gefahren sind (in der Tat ging es nur über unbewohnte Schnellstraßen), waren wir dann doch gerne bereit, den stark erhöhten Aufpreis zu zahlen. Manchmal sollte man doch Kompromisse im Leben eingehen.