Penelope Leprevost & Flora de Mariposa

Leprevost und Deutschland sind die Sieger vom ersten Tag

Vor heimischem Publikum zu reiten – das kann ein Vorteil sein, aber auch zur Last werden. Die deutschen Springreiter scheinen in diesem Jahr bei der EM in Aachen eher das positive Gefühl mitzunehmen. Nach dem Zeitspringen, das zugleich erste Wertungsprüfung für das Team war als auch erste Qualifikation zur Einzelwertung, führen die Deutschen mit 4,40 Punkten vor Frankreich mit 5,7 Punkten und Großbritannien mit 6,99 Punkten. Bundestrainer Otto Becker lächelte zufrieden nach dem ersten Tag: “Auf dem Ergebnis können wir aufbauen. Für uns war es wichtig, gut ins Turnier zu kommen. Aber es ist uns klar, dass noch zwei schwere Runden vor uns liegen. Wir müssen wachsam bleiben und es jetzt auch mal zu Ende bringen.” Auch Ludger Beerbaum mahnte: “Wir dürfen nicht jetzt schon das Fell des Bären verteilen, bevor er erlegt ist.” Ob die Reihenfolge im Team auch Morgen beibehalten wird, darüber wollte man am Abend noch mal sprechen. Da ist für die deutschen Teamreiter dann auch ein Gläschen Sekt gestattet, “aber nicht zum Feiern”, so der Bundestrainer, “nur zum besseren Einschlafen.”

Für Deutschland zuerst an den Start ging Meredith Michaels-Beerbaum, die diese Position im Team auch so wollte, wie Becker betonte: “Das ging in Hickstead schon gut. Und Christian, der sonst oft der Erste war, wollte auch gerne als Zweiter starten. Die beiden wären auch auf den hinteren Positionen nicht anders geritten.” Dass am Ende nicht vier Nullrunden auf dem Tableau für die Deutschen standen, war für Becker eher ein gutes Omen: “Wenn wir nach der ersten Runde vier Mal null waren, hatten wir dieses Jahr nie Glück.”

In der Einzelwertung hat die Führung die Französin Penelope Leprevost, die mit der Fuchsstute Flora de Mariposa schon recht früh in der Prüfung eine schnelle Runde zeigte. Die belgische For Pleasure-Tochter war länger verletzt, unklar war, ob die Zehnjährige überhaupt in Aachen würde starten können. Nur drei Turniere vor Aachen bestritt sie letztendlich – und scheint nun in Bestform. “Ich versuche jetzt, die Führung zu behalten”, so die Zielsetzung der Französin.

Ludger Beerbaum & Chiara

Ludger Beerbaum & Chiara

Platz zwei mit nur 0,75 Punkten Rückstand hinter Leprevost hat der Deutsche Ludger Beerbaum inne. Mit der Holsteiner Stute Chiara konnte er als dritter Starter für das deutsche Team nach zwei fehlerfreien Runden seiner Kollegen etwas mehr riskieren. “Die Grundvoraussetzung dafür waren Meredith und Christian”, so Ludger Beerbaum. “Ich konnte mehr Risiko nehmen nach der Vorlage, aber auch nicht totales Risiko.” Doch der Leitwolf erkannte auch, dass der Kurs für ihn passend gebaut war: “Von Natur aus schnelle Pferde hatten heute einen Vorteil – deswegen war ich sehr zufrieden mit dem Aufbau.” 29 fehlerfreie Runden hatte Parcourschef Frank Rothenberger zusammen bekommen, der für die morgige erste Nationenpreisrunde allerdings einen deutlich schwereren Kurs ankündigte. Einhellige Zufriedenheit herrschte über den Parcoursbau des ersten Tages: Nicht zu schwer war es, aber angemessen, mit vielen geraden Strecken, um den von den Vortagen durch den Regen beeinträchtigten Boden nicht unnötig zu strapazieren. Der allerdings war gut zu springen, wie Ludger Beerbaum bestätigte: “Gestern war ich ein bisschen nervös, da war er doch sehr weich, aber jetzt war er richtig gut.”

Platz drei in der Einzelwertung derzeit – und das ist sicherlich überraschend – belegt der Brite Joe Clee mit dem elfjährigen SBS Hengst Utamaro d’Ecaussines. Clee ist zum ersten Mal überhaupt in Aachen zu Gast und scheint sich offensichtlich wohlzufühlen. Mit genau 1 Punkt liegt er hinter Leprevost zurück. “Als ich rein geritten bin, hatte ich schon Druck – aber je mehr Druck da ist, desto besser springt mein Pferd”, so der Brite, der betonte, wie gut die Stimmung im britischen Team ist, das sich in Aachen noch für die Olympischen Spiele in Rio qualifizieren will.

Joe Clee & Utamaro d'Ecaussines

Joe Clee & Utamaro d’Ecaussines

Glücklich waren auch die beiden deutschen Teamreiter Meredith Michaels-Beerbaum und Christian Ahlmann. Meredith Michaels-Beerbaum, die erste Starterin in der Prüfung war, freute sich über die im Verhältnis schnelle Runde ihres Fibonacci: “Er springt richtig hoch in die Luft und verliert dadurch Zeit. Ich weiß, dass es schneller geht, aber für ihn war es ideal.” Ganz locker sei der schwedische Wallach gewesen, der sein erstes Championat in der Soers bestreitet. “Jedes Pferd steht im Schatten von Shutterfly”, gab die einzige Frau im deutschen Team zu, “aber er ist ein gutes Pferd für die Zukunft.”

Christian Ahlmann sprach von einem guten Gefühl mit Taloubet Z: “Und das Gefühl war heute wichtiger als die Platzierung.” Doch Platz acht ist durchaus eine gute Ausgangsposition für den deutschen Springreiter. “Das war heute ein guter Beginn, aber es ist auch noch nicht mehr”, verdeutlichte auch Ahlmann noch mal, wie wichtig es ist, weiter konzentriert zu bleiben. Was der gute Platz von Ahlmann und dem 15-jährigen Hengst nicht verrät: Der Kurs kam Taloubet eigentlich nicht entgegen, hat er doch nicht den größten Galoppsprung. “Meredith hat sicherlich sieben, acht Galoppsprünge weniger gemacht als ich. Ich habe versucht, was über die Wendungen rauszuholen und habe wohl ein ganz gutes Ergebnis für die Mannschaft geritten.”

Nicht ganz in den Tenor seiner Kollegen konnte Daniel Deußer einfallen, der mit Cornet d’Amour einen Abwurf hatte, aber noch so schnell unterwegs war, dass er nur 3,09 Punkte hinter der Führenden liegt. Schade sei es, so Deußer, “aber verloren ist auch noch nichts. Die Stimmung ist trotzdem gut.” Mit Zuversicht blickt auch der Mannschafts-Vize-Europameister von 2013 auf den morgigen Tag.

Fotos: Karl-Heinz Frieler