Kristina Bröring-Sprehe, Charlotte Dujardin, Beatriz Ferrer-Salat

Einerwechsel kosten Charlotte Dujardin fast das zweite Gold

Eine hauchdünne Entscheidung war der Kampf um Gold in der Grand Prix Kür bei der EM in Aachen – etwas, was man im Voraus so nicht vorhersehen konnte. “Einen Moment habe ich gedacht, es könnte reichen”, ärgerte sich die Silbermedaillengewinnerin Kristina Bröring-Sprehe im Anschluss der letzten Dressur-Entscheidung von Aachen dann doch etwas. Und gleichzeitig freute sich die 28-Jährige “wahnsinnig” über Silber und die Tatsache, so dicht an die glasklare Favoritin Charlotte Dujardin herangekommen zu sein. “Das hätte ich ja niemals gedacht.” Ganz fürchterlich sei es gewesen, oben beim Fernsehen auf der Tribüne den Ritt von Dujardin mit zu verfolgen, gab Bröring-Sprehe hinterher zu, die nächstes Wochenende kirchlich heiraten wird.

Charlotte Dujardin & Valegro

Charlotte Dujardin & Valegro

Wie schon am Tag zuvor legte die Britin Charlotte Dujardin mit ihrem 13-jährigen Wallach Valegro einen unglaublichen Auftakt ins Viereck im großen Stadion, doch war der Druck nach 88,804 Prozent von Kristina Sprehe und Desperados noch um einiges größer als im Special. Das war schon eine Hausnummer, die die Deutsche da hingelegt hatte. Doch damit kann die Olympiasiegerin, Welt- und Europameisterin umgehen. “Das war am Tag zuvor genauso und ich wusste auch, dass das Publikum auf ihrer Seite ist”, so Dujardin. “Das war in London ja bei uns Briten genauso. Das erwartet man einfach vom heimischen Publikum.” Unbeeindruckt, tough und cool gibt sich die Schülerin von Carl Hester regelmäßig – und doch scheint es so, als läge da ein kleiner Fluch in der Soers über ihr oder zumindest ihren Wechseln. Im vergangenen Jahr erstmals in Aachen am Start, musste sie sich zwei Mal in Aachen geschlagen gegen Totilas geschlagen geben, weil Dujardin unerwartet in den Wechseltouren Schwächen zeigte. Und auch in diesem Jahr gab es keine Prüfung, in der die Weltranglisten-Nummer eins nicht in den Wechseln patzte. So auch in der Kür. In den Einern – und auch beim Wiederholen der Einer. Deswegen war die Spannung umso größer bis das Ergebnis auf der Tafel in der Soers erschien… und das Pfeifkonzert losging. 89,054 Prozent gab es für die alte und neue Europameisterin Charlotte Dujardin. Es war wirklich knapp, die Entscheidung hätte genauso gut anders ausgehen können. “Was für mich wirklich schwer war”, erzählte Dujardin später, “war, dass Isabell bei meinem Einreiten groß auf der LED-Tafel eingeblendet wurde – sie machte eine Grimasse und deswegen mussten alle loslachen. Aber meine Prüfung war dann doch sehr gut, bis ich zu den Einern kam.” Dass ihr Kristina Bröring-Sprehe am Ende so nah kam, empfand die Top-Favoritin nicht als schlimm: “Das ist der Sport. Außerdem ist es doch sehr langweilig, wenn ich immer meilenweit weg bin.”

Kristina Bröring-Sprehe & Desperados

Kristina Bröring-Sprehe & Desperados

Eine echte Überraschung gab es auf Platz drei mit Beatriz Ferrer-Salat. Die Spanierin und der Westfalen Wallach Delgado waren die Gewinner aus einem Dreier-Duell um Bronze, in dem Isabell Werth und Don Johnson sowie der gestrige Drittplatzierte Hans Peter Minderhoud mit Glock’s Johnson innerhalb eines Prozentes das Nachsehen hatten. Dass der 14-jährige Delgado mit Ferrer-Salat bislang nicht so sehr ins Rampenlicht rückte, erklärte die Reiterin: “Er war unglaublich viel verletzt. Immer, wenn wir mal auf einem Turnier starteten, musste ich danach wieder eine lange Pause machen. Seit Anfang des Jahres aber sind wir voll im Training, sind im März in Spanien erstmals aufs Turnier gefahren und waren dann noch in Hagen. Das Ziel hier für die EM war, sich mit der Mannschaft für Rio zu qualifizieren. Das haben wir geschafft. Dass ich dann im Grand Prix Fünfte wurde, war eine riesige Überraschung. Gestern war ich dann Vierte und heute Dritte – das ist unglaublich.” Dabei hatten die beiden gestern noch einen echten Schock zu verkraften. Sie rutschten morgens im Training aus und fielen beide zusammen hin. “Aber uns geht es gut”, schmunzelte Ferrer-Salat, die nun positiv Richtung Rio blickt.

Beatriz Ferrer-Salat & Delgado

Beatriz Ferrer-Salat & Delgado

Emotional endete auch für Jessica von Bredow-Werndl die EM. Die deutsche Championats-Debütantin ritt mit Unee BB, ihrem KWPN Hengst, auf Platz sieben (80,214 Prozent). Zwar hatte auch sie noch ein weiteres Mal mit Fehlern in den Wechseln zu kämpfen, doch durfte die Weltcup-Final-Dritte mit ihrem Einstand zufrieden sein: “Ich habe zwar hier nie meine persönliche Bestleistung gezeigt, aber für mein erstes Championat bin ich doch zufrieden. Auf einem Championat ist doch ein anderer Druck als auf einem normalen Turnier.”

Mit Druck umgehen, das hat Isabell Werth in ihrer langen Championatskarriere schon lange gelernt. Entsprechend sorgenfrei ritt sie nach der nicht ganz einfachen Woche für die Deutschen schon im Special auf – und legte noch einen drauf in der Kür. Nach ihren 82,482 Prozent war Werth außer sich vor Freude: “Ich weiß nicht, ob ich das jemals schon international hatte. Das war ein unglaubliches Erlebnis, diesen Moment kann mir keiner mehr nehmen.” Einen Ritt hatte sich Isabell Werth im Voraus angeguckt, um die Atmosphäre aufzusaugen, wie sie sagte. Und dann konnte es für sie losgehen.

Isabell Werth & Don Johnson

Isabell Werth & Don Johnson

Glücklich war dann auch Bundestrainerin Monica Theodorescu. “Alle drei sind ein tolles Turnier geritten”, konnte sie sich wieder richtig freuen nach dem Drama um Totilas. “Tina hätte heute vielleicht auch Gold verdient gehabt. Was schön war: Das Publikum hat das auch so gesehen, 40.000 Zuschauer haben alle Fehler bemerkt. Das gibt es auch nur in Aachen.”

Fotos: Karl-Heinz Frieler