Marcus Ehning & Pret A Tout

Ehnings Nerven wie Drahtseile bringen Deutschland den Nationensieg

Es wird den Leistungen der jungen für Aachen aufgestellten Springreitermannschaft Deutschlands nicht gerecht, wenn man sagt, dass die Truppe ein wenig aus der Not heraus “geboren” ist. Aber ein bisschen – das weiß jeder – fühlt es sich danach an, wenn Namen wie Ahlmann, Deußer, Michaels-Beerbaum und Co im deutschen Team fehlen. In Göteborg bei der EM im vergangenen Jahr wurde bereits – ebenso aus “der Not heraus” – eine neue Ära eingeleitet, die dort noch recht bescheiden verlief. Doch die jungen Athleten im Sattel lernen dazu, sammeln Erfahrungen und bekommen auch die Nerven für große Aufgaben. Und das haben sie heute im Nationenpreis beim CHIO Aachen eindrucksvoll bewiesen. Nach dem ersten Umlauf lag die Mannschaft von Otto Becker noch an vierter Stelle. Simone Blum und ihre Superstute DSP Alice hatte genauso einen Fehler wie ausgerechnet der Team-Leader Marcus Ehning mit Pret A Tout. Laura Klaphake mit dem derzeit vielleicht weltbesten Pferd Catch Me If You Can und Maurice Tebbel mit Chacco’s Son – beide EM-Teilnehmer des vergangenen Jahres – sicherten für Deutschland mit Nullrunden den Anschluss an die Spitze.

Simone Blum & DSP Alice

Simone Blum & DSP Alice

“Ich kann mir den Fehler nicht erklären”, zuckte Marcus Ehning die Schultern. “Das war ein sehr harter Fehler und total untypisch für Pret A Tout.” Simone Blum hingegen sprach von einem “Netzroller und einfach etwas Pech” bei ihrem Abwurf mit der elfjährigen Askari-Tochter.

Die Führung hatte zu dem Zeitpunkt die Schweiz, die drei Nullrunden hingelegt hatten bei nur drei teilnehmenden Startern – Martin Fuchs’ Chaplin lahmte und musste daher zurückgezogen werden. Ebenso fehlerfrei mit vier Nullrunden zu dem Zeitpunkt: die Niederlanden. Belgien folgte mit einem Zeitstrafpunkt auf dem Konto. Doch bekanntlich kann sich in so einem Nationenpreis im zweiten Umlauf noch mal alles drehen und genau das passierte. Holland rutschte auf den dritten Platz zurück, Belgien ließ richtig Federn und wurde Siebter. Das hätte sich der belgische Equipechef und Ur-Aachener Peter Weinberg anders vorgestellt.

Laura Klaphake & Catch Me If You Can

Laura Klaphake & Catch Me If You Can

Doch so hatten die Deutschen die Chance, Boden gut zu machen und nutzen sie. Simone Blums Brandenburger Stute sowie Klaphakes Catoki-Tochter spielten mit dem Parcours – beide ließen sich zu Recht unterm Aachener Flutlicht feiern. Dann Maurice Tebbel. Der hatte mit dem elfjährigen Westfalen Hengst v. Chacco-Blue einen Abwurf. “Ich hatte das Gefühl, dass er hinten ein bisschen weggerutscht ist und dann nicht genug Grip zum Abfußen hatte”, so der 24-Jährige.

Maurice Tebbel & Chacco's Son

Maurice Tebbel & Chacco’s Son

Dann Ehning. Der hatte was gut zu machen vom ersten Umlauf. Mit einer Nullrunde wäre der dritte deutsche Sieg auf heimischem Boden in Folge perfekt… und der “alte Hase” im Geschäft behielt die Nerven. Grenzenloser Jubel im Aachener Stadion. Irland wurde mit sechs Punkten Zweiter, die Niederlanden mit neun Punkten Dritte.

“Das war grandios”, jubelte der deutsche Bundestrainer Otto Becker. “Ich hatte den ganzen Tag schon ein gutes Gefühl. Das ist wirklich ein Traum. Wir wussten, dass uns etwas Erfahrung fehlt, aber das ist echt eine geile Truppe… wie sie kämpfen, wie sie fokussiert sind.”

Laura Klaphake, für die ein Traum wahr wurde, fand Komplimente für ihren Teamkameraden Marcus Ehning: “Er hat Nerven wie Drahtseile – wahnsinn!” Der selbst erklärte, woher die Motivation kommt, hier immer wieder mitmischen zu wollen: “Wenn du einmal in Aachen gewinnst, willst du immer gewinnen.”

Ob die deutsche Mannschaft nun in dieser Besetzung nach dem Motto “Never change a winning team” auch die Weltreiterspiele in Tryon ansteuern wird, umging Bundestrainer Otto Becker gekonnt: “Es ist jetzt schon so spät – ich kann nicht mehr nachdenken.”

Fotos: Frieler/Lafrentz