Christian Ahlmann & Taloubet Z

Christian Ahlmann: “Mit einem Fehler zu viel ist man heute nicht mal mehr auf der ersten Seite”

Als bester deutscher Springreiter beendete Christian Ahlmann mit seinem Championats-Debütanten Taloubet Z die EM in Aachen – ein Fehler im ersten Umlauf des Nationenpreises, ein Fehler im ersten Umlauf im Einzelfinale summierten sich zusammen mit dem Ergebnis aus dem Zeitspringen zu 9,56 Punkten auf. Nur zwei Punkte weniger und Ahlmann hätte eine Einzelmedaille gehabt. Im Anschluss nahm sich der Reiter aus Marl noch mal ausführlich die Zeit, eine Bilanz zu ziehen und die aktuelle Situation im deutschen Springreiterlager zu durchleuchten.

“Wenn man das ganze Turnier betrachtet, waren es überflüssige Fehler”, erklärte Christian Ahlmann nach seinem letzten Ritt. “Aber irgendwie ist es ja immer so, dass Fehler unnötig sind.” Doch zufrieden blickte der 40-jährige auf die Leistungen seines 15-jährigen Hengstes: “Die Art, wie er hier wieder gesprungen ist und das Turnier beendet hat, ist einmalig. Er ist wirklich ein Traum. Ich bin unglaublich froh, dass er wieder so zurückgekommen ist in den Sport. Klar, wenn man hin- und herrechnet wäre eine Medaille wahrscheinlich drin gewesen, aber man muss auf das sehen, was man hat – und das ist eine Silbermedaille mit der Mannschaft.”

Einmal Luft anhalten war allerdings vor dem Einzelfinale angesagt bei dem Doppeleuropameister von 2003. Taloubet Z musste im letzten Vet-Check in die Holding Box. Doch für Ahlmann bestand keine Sorge: “Beim zweiten Mal Vortraben zeigte sich, dass er kein Problem hat. Und ich glaube, wenn man ihn heute im Finale gesehen hat, weiß man, dass da nichts gezwickt hat.”

Jeroen Dubbeldam & Zenith

Jeroen Dubbeldam & Zenith

Dass Jeroen Dubbeldam nach seinem Einzel-Titel bei der WM im vergangenen Jahr in Caen nun auch noch Europameister geworden ist, fand auch bei Christian Ahlmann großes Lob: “Große Anerkennung. Wie er das runterbetet, ist unglaublich.” Mit einem Schmunzeln fügte er an: “Vor allem sieht man ihn ja nicht allzu viel unterm Jahr und das Pferd springt dann auch irgendwie immer anders.” Das Pferd, damit ist Zenith gemeint. Der wollte zunächst gar nicht ins Aachener Stadion, stieg immer wieder in die Luft und kehrte um, weil ihm noch der große Applaus vom Nationenpreis im Gedächtnis war und ihm offensichtlich Angst bereitete. Dass der Stadionsprecher das Publikum um Ruhe bat, empfand Ahlmann nicht – wie einige meinten – als einen unfairen Wettbewerbsvorteil. “Ich glaube, alle haben gemerkt, dass das Pferd nicht rein wollte. Und ich bin mir sicher, dass selbst bei einer Nicht-Aufforderung durch den Sprecher alle leiser gewesen wären. Das Aachener Publikum ist nämlich ein Pferdepublikum. Ich fand es aber gut, dass darum gebeten wurde. Man hat ja gesehen, dass Zenith nach drei, vier Volten wieder relaxed war. Das war nur ok so und für die Situation hilfreich.”

Dass in Aachen nicht nur das Publikum besonders ist, sondern alles, die ganze Atmosphäre, die Bedingungen – das weiß der Weltcup-Gesamtsieger von 2011 zu schätzen. “Hier kann sich echt keiner beschweren”, so Ahlmann. “Ohne ein anderes Turnier abwerten zu wollen: In Herning war auch eine EM, ja, aber das hier ist einfach etwas anderes.”

Christian Ahlmann

Christian Ahlmann

Und schließlich nahm der deutsche Springreiter auch noch mal Stellung zu den Anforderungen, heute eine Medaille zu gewinnen: “Wenn man heute mit der Mannschaft einen Fehler zu viel hat, taucht man nicht mal mehr auf der ersten Seite der Ergebnisliste auf. Die vermeintlich schwächeren Teams können am Anfang meist noch richtig gut mitmachen – und wenn man genau hinguckt, hätte hier sogar am Ende das zwölfte Team, das gar nicht mehr in das Mannschaftsfinale kam, noch gewinnen können. Es haben einfach immer mehr Länder Spaß am Reiten, sie werden immer professioneller – und das wird sich in der Zukunft auch nicht mehr ändern. Mit dieser Situation müssen wir leben.”

Was die Holländer derzeit besser machen als die Deutschen, glaubt Ahlmann allerdings auch zu wissen: “Was die wunderbar hinkriegen, ist, ihre Power zu komprimieren und es dann auch zu erzwingen.” Ihnen, den Deutschen, würden derzeit die Paare fehlen, die doppelnull reiten, egal, was da stehe. “Die Holländer haben am Ende sogar den größeren Stamm an guten Reiter-Pferd-Kombinationen. Die Reservereiter von ihnen hätten hier alle gut mithalten können.” Die Pferdeanbindung sei schließlich auch ein wesentlicher Punkt. “Ludger hat Madeleine und ich Marion Jauß, aber man muss schon sagen, dass in Deutschland die Euphorie nicht so groß ist, ein Pferd zu halten. Das ist bei den Holländern auch anders.”

Team Germany

Team Germany

Hingegen den Vorwurf, dass die Deutschen eher andere – preistechnisch höher dotierte Turniere – im Kopf hätten als die Championate, wies Ahlmann vehement von sich: “Ich weiß nicht einen, der sagt, wenn es darum geht, einen Nationenpreis zu reiten ‘Ich will nicht, ich kann nicht, ich will lieber da hin…” – keinen. Als für mich klar war, dass Taloubet in Frage kommt für die EM, bin ich extra zwei Global Tour-Turniere nicht geritten, um mich optimal auf Aachen vorzubereiten. Und wenn ich meine Chefin frage: Soll ich lieber 500.000 Euro gewinnen oder eine Medaille, dann ist die Antwort klar: die Medaille!”

Fotos: Karl-Heinz Frieler