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C’est la vie – Normandie… Die deutschen Buschis im Trainingscamp

Als das Pressegespräch der deutschen Vielseitigkeitsreiter in Bonn-Rodderberg startete, kamen erst einmal betrübte Gesichter auf: Sam fällt für die Weltreiterspiele auf. Wieviele Hiobsbotschaften sollte es eigentlich noch geben? Nun also das zweite potenzielle Gold-Pferd aus Deutschland, das nicht an den Start gehen kann. Hufprobleme. Mit denen plagt sich der Superstar aus dem Hause Jung schon seit Jahren, doch sah es zuletzt eigentlich besser aus. Michael Jung, der sonst immer sein verschmitztes Lächeln im Gesicht stehen hat – sichtlich enttäuscht. Und doch fasste er schnell wieder Mut: “Ich werde mich jetzt voll auf Rocana konzentrieren.” Nichts anderes hätten wir auch von dem deutschen Top-Reiter erwartet, der auch im vergangenen Jahr mit dem Nicht-Favoriten Halunke zeigte, dass er keines Sam bedarf, um am Ende Einzelgold um den Hals zu tragen. Und Rocana, diese neunjährige Stute v. Ituango xx, hat eindeutig das Potenzial für ein solches Championat, was sie mit ihrem zweiten Platz in Luhmühlen in ihrer ersten Vier-Sterne-Prüfung eindrucksvoll unter Beweis stellte. Und so weiß auch Jung: “Sie ist Sam sehr ähnlich, genauso spritzig und kraftvoll. Ich hoffe, dass sie mit dem Gelände gut zurecht kommen wird. Vor zwei Jahren war ich schon mal mit ihr dort.”

Dort, damit ist das Nationalgestüt Le Pin gemeint. Also nicht Caen. Etwa 70 Kilometer und ca. eine Autostunde entfernt finden die Dressurwettbewerbe und die Geländeprüfung der Buschis von dem eigentlichen Ort der Weltreiterspiele statt. Etwas, was der Bundestrainer der Deutschen, Hans Melzer, sehr bedauert: “Kentucky und Aachen waren gigantisch. Dort haben wir alles miterlebt. In Kentucky waren wir beispielsweise um fünf Uhr morgens beim Distanzstart mit dabei, in Aachen haben wir Kai Vorberg beim Voltigieren die Daumen gedrückt. In diesem Jahr reiten wir eigentlich eine WM für uns – mit der Ausnahme, dass wir einmal zum Springen in Caen sind. Eigentlich ist das Besondere an Weltmeisterschaften, dass wir ein großes Team sind. Aber in Le Pin ist es wunderschön – jeder der dort ist, wird sagen: Gut, dass wir nicht in Caen sind. Denn in Le Pin haben wir wirklich richtiges Gelände. Am Montag, wenn wir ankommen, werden wir uns allerdings das Stadion einmal angucken in Caen und hoffen, dass wir dann unser deutsches Dressurteam unterstützen können.”

Apropos Gelände: Das soll in der Normandie äußerst anspruchsvoll sein, hügelig. Deswegen auch trainierten die deutschen Buschreiter wieder in Bonn-Rodderberg an den Hängen, genauso wie vor London. Chris Bartle, der Disziplintrainer der Deutschen, weiß: „Michele baut sehr technische Linien, die Kurven sind oft scharf und eng und es gibt versteckte Sprünge. Ganz sicher wird es auch ein Ausdauertest, Fitness ist gefragt. Aber wir haben Erfahrungen mit seinem Modus. Wir sind gut vorbereitet.“

Etwas, was für die Vielseitigkeitsreiter jedoch gänzlich ungewohnt ist, ist die Tatsache, dass sie nach der Dressur und dem Gelände den Veranstaltungsort wechseln und in einem ganz neuen Stadion das Springen absolvieren. Nämlich im D’Ornano Stadion in Caen. Für Pferde, die mit einer neuen Atmosphäre zu kämpfen haben, könnte das ein Problem sein. „Das ist schon außergewöhnlich“, so Melzer. „Dass wir die Pferde transportieren müssen, sehe ich nicht als Problem. Beim Testevent vergangenes Jahr zeigte sich, dass das geht. Aber dass wir in eine neues Stadion kommen, ohne Warm-Up oder ähnliches, ist sicherlich ein Problem. Aber es ist für alle gleich.“

Und wie bereiten sich die Deutschen nun eigentlich genau in Bonn auf Caen vor? Gestern stand Aufgabenreiten im Viereck an. Heute wird noch mal galoppiert, bevor es dann Sonntag in Richtung Frankreich geht. Und die Reiter sollen den Kopf frei bekommen. Dafür ging es auf die Michael Schumacher Kart-Strecke. Hans Melzer äußerte diesbezüglich grinsend leichte Bedenken: „Wir haben zwei im Team, da ist es egal, ob du die in ein Boot oder ins Klettercenter steckst – das wird immer gefährlich. Wir müssen sehen, wie wir von den beiden die Karts manipuliert bekommen. Die sollten wirklich nicht die schnellsten bekommen.“

Und wie blicken eigentlich die Reiter in Richtung Caen?

Michael Jung: „Ich bin überglücklich, dass ich mit Rocana ein zweites tolles Pferd habe.“

Dirk Schrade: „Wir erwarten ein anspruchsvolles Gelände. Das liegt Hop & Skip. Ich freue mich daher.“

Andreas Ostholt: „Es ist ein schönes Gefühl, dabei zu sein. Ich hatte ein top Jahr. Meine Stimmung ist sehr gut und ich brenne darauf, zu zeigen, was ich kann, nachdem ich die letzten Male nur Reserve war.“

Ingrid Klimke: „Für Escada ist es erst die dritte Saison. In Aachen war sie noch sehr beeindruckt. Insofern hoffe ich, dass das Stadion nicht ganz so spektakulär wird. Aber ich freue mich schon jetzt auf den Parcours.“

Sandra Auffarth: „Dass ich als Favoritin gesehen werde, ist positiv. Für mich allerdings ist das kein Druck. Ich konzentriere mich auf die Mannschaft. Und Wolle ist in einer sehr guten Form.“

Peter Thomsen (der in der Vergangenheit häufig der Pathfinder fürs Team war auf die Frage, ob er das dieses Jahr wieder ist): „Die Frage kann ich nicht beantworten. Aber ich gehe davon aus, dass ich nicht als Letzter starte.“

Das Team, das wollen Melzer und Bartle entweder im Anschluss an Bonn nominieren, oder erst in Caen selbst. Es darf also weiter spekuliert werden…