Otto Becker

Bundestrainer Otto Becker: “Die Hoffnung stirbt zuletzt!”

“Jetzt freuen wir uns” – Otto Becker zeigte sich in einem ersten Pressegespräch in Aachen zuversichtlich für die kommenden Tage. Seit Mannheim, so erklärte er, seien die Pläne mit den einzelnen Reitern noch individueller erarbeitet worden. Ein Trainingslager habe es dieses Jahr nicht gegeben. “Der eine wollte lieber zu Hause mit seinem Hengst trainieren, damit er nicht abgelenkt ist, der andere wollte lieber auf Sand noch mal springen…” – doch die Stimmung sei gut und auch alle Pferde machten einen guten Eindruck. Eigentlich klingt alles wie immer. Doch immerhin hat Otto Becker etwas aus Dublin mitgenommen, wo die Iren Anfang August ihren Heim-Nationenpreis gewinnen konnten, nämlich die überragende Stimmung. “Die habe ich gestern Abend beim gemeinsamen Essen versucht, zu vermitteln. Diese Stimmung kriegen wir hier auch in Aachen”, so Becker, “aber natürlich liegt es jetzt an uns. Das Gute aber ist: Wir fangen hier bei null an, alles andere ist Schnee von gestern.” Alles andere – damit ist die durchwachsene Saison gemeint. Die Deutschen haben den Start beim Nationenpreisfinale in Barcelona verpasst. Nun hoffen sie darauf, noch nachzurutschen. Wichtiger wäre, nach dieser Saison im eigenen Land bei der EM überraschend nach vorne zu springen. “Die Hoffnung stirbt zuletzt”, schmunzelte der Bundestrainer. Becker scheint überzeugt. Die letzte Nacht nämlich konnte er zum ersten Mal richtig gut schlafen. Davor die Nächte sei er eher unruhig gewesen. Meredith Michaels-Beerbaum fand einen simpleren Grund: “Das lag wohl am Rotwein.”

Die deutschen Reiter erklärten, warum sie gerade mit ihrem jeweiligen Pferd in Aachen an den Start gehen…

Daniel Deußer

Daniel Deußer

Daniel Deußer (Cornet d’Amour): Wenn ich hier Medaillen gewinnen will – und das ist mein Wunsch – dann war es klar, dass ich Cornet reiten muss. Außerdem hat er sich hier immer wohlgefühlt. Wir gehen für das Bestmögliche und haben eine gute Chance.

Christian Ahlmann

Christian Ahlmann

Christian Ahlmann (Taloubet Z): Anfang der Saison war Codex meine erste Option – und so bin ich auch in die Saison gegangen. Er sollte Hamburg, Aachen und dazwischen mal einen Nationenpreis gehen. Taloubet war lange verletzt und Epleaser kam erst im März zu mir, deswegen lag es nahe mit Codex. Dann allerdings hat sich Codex kurzfristig verletzt und Taloubet ist dadurch aufs Tableau gekommen. Er ist immer besser in Schuss gekommen und sehr gleichmäßig gesprungen. Seinen eigentlichen Plan, ihn regelmäßig bei der Global Champions Tour einzusetzen, haben wir dann eingestellt. Er ist nur noch in London gegangen und hatte dann Zeit zum Durchschnaufen. Von seiner Qualität braucht er nichts mehr zu beweisen.

Meredith Michaels-Beerbaum

Meredith Michaels-Beerbaum

Meredith Michaels-Beerbaum (Fibonacci): Ich habe Fibonacci letztes Jahr bekommen und er sprang da schon gut in Aachen. Ich hatte ihn dann dieses Jahr in Florida mit. Er ist das Pferd mit der meisten Erfahrung in meinem Stall. Allerdings hat bei mir der Schlüsselbeinbruch alles durcheinander gebracht. Ich war nur konzentriert darauf, wieder in den Sattel zu kommen und fit genug zu sein. Otto hat mir in Mannheim die Chance gegeben. Die erste Runde war da  noch nicht gut, dafür die zweite. Und in Hickstead habe ich dann zwei Nullrunden gezeigt.

Ludger Beerbaum (Chiara; wie immer auf den Punkt): Ich hatte niemand Besseren.

Janne Friederike Meyer

Janne Friederike Meyer

Ersatzreiterin Janne Friederike Meyer (Goya):  Am Anfang der Saison war eigentlich keins meiner Pferde ein Thema, denn ich habe nur junge Pferde. Dass sich Goya jetzt empfohlen hat über die Saison, macht mich sehr stolz. Er ist ja erst neun und es ist seine erste Saison auf dem Niveau. Ich bin froh, überhaupt dabei zu sein.

Ein Kompliment stellte Otto Becker noch seinem Team aus: “Jetzt im siebten Jahr ziehen immer noch alle Reiter wirklich mit. Sie stehen zur Verfügung, wenn ich anrufe und arbeiten auf ein Championat hin. Das ist keine Selbstverständlichkeit und darüber bin ich sehr froh.”

Ludger Beerbaum führte noch einmal aus, warum er in Mannheim forderte, dass ein Ruck durch die Mannschaft geht. “Es war einfach mal an der Zeit, das zu sagen”, so der Team-Älteste. “Wir können uns nicht über Jahre hinsetzen und sagen: Knapp verpasst, aber eigentlich war es doch gut. Das haben wir jetzt oft genug gesagt. Ich dachte, dass für jeden von uns gut wäre, sich morgens beim Rasieren oder Arme waschen, mal kritisch zu fragen, ob der Einsatz unserer Pferde, unser Reiten selbst, die Auswahl von Trensen, Gamaschen und Gebiss richtig ist – oder ob wir uns manchmal auch einfach was schön reden. Natürlich kommt man da jetzt nicht immer hundertprozentig zu einer Erkenntnis. Ich für mich kann auch nur sagen, dass es ja nicht so ist, dass ich alle in Grund und Boden reite. Die Konstanz fehlt da auch.”

Ludger Beerbaum

Ludger Beerbaum

Und auch zur Kritik am britischen Team, das ohne zwei seiner Spitzenreiter kommt, weil diese selbst zurückgezogen haben, obwohl sich die Briten noch für Rio qualifizieren müssen (Scott Brash, der lieber mit Hello Sanctos in Calgary reitet – und John Whitaker, der sagt, dass Argento nicht auf großen Grasplätzen gut ist), nahm Ludger Beerbaum gewohnt ehrlich Stellung: “Argento war wirklich kein Thema. Der gewinnt auf anderen Plätzen, auf kleinen. Das ist für Außenstehende schwer zu verstehen, aber das ist wirklich ein anderer Fall. Am Ende war das wohl wirklich eine Entscheidung pro Pferd. Wenn es irgendwie gegangen wäre, wäre John wahrscheinlich sogar zu Fuß gekommen. Auch Ben Maher wäre hundertprozentig gekommen, wäre Cella fit. Scott Brash ist dann schon ein spezieller Fall. Ich kann da wenig zu sagen, weil ich mit ihm nicht darüber gesprochen habe, aber für mich ist das auch nicht ganz nachzuvollziehen.”

Fotos: Karl-Heinz Frieler