Charlotte Dujardin & Valegro

Aachen: Mit neuem EM-Rekord gewinnt Charlotte Dujardin Gold

Es war der Tag des großen Sports und des großen Dramas: der Grand Prix Special bei der EM in Aachen. In der Gruppe der Top-Reiter war es Kristina Bröring-Sprehe, die mit Desperados FRH vorzulegen hatte. Und dies machte die Reiterin aus Dinklage mehr als gut: Fehlerfrei, mit absoluten Höhepunkten und immer schön in der Anlehnung bestritten die beiden die Prüfung und wurden mit 83,067 Prozent zu dem Zeitpunkt deutlich an die Spitze gesetzt. Würde Valegro – wie im Grand Prix – Fehler machen, dann könnte es sogar reichen, dachte man. Valegro machte einen Fehler, in den Einerwechseln, und doch reichte es am Ende um Längen für Gold. Der KWPN Wallach zeigte sich deutlich frischer als im Grand Prix und auf einem Top-Niveau in allen Belangen. Da gab es nichts dran zu rütteln. Reihenweise wurden 10er-Noten vergeben, in der Trab-Tour, in den Piaffen, den Zweier-Wechseln, den Übergängen… “Nach der ganzen Sache hier vergangenes Jahr und den Fehlern im Grand Prix vorgestern war es wirklich nicht leicht, in diese Atmosphäre reinzureiten, in Deutschland. Ich meine, das Publikum ist eigentlich natürlich total hinter den Deutschen”, so Dujardin. “Aber das Publikum hat auch meine Vorstellung gemocht. Man hörte alles. Wie sie den Atem anhielten und wie sie ‘ohhhh’ riefen bei dem Fehler – ich habe es total genossen.”

Bereits beim Abreiten hätte sich, so die alte und neue Europameisterin, Valegro gut angefühlt. So gut, dass sie wusste, heute richtig was riskieren zu können. Und als sie reinritt und den tosenden Applaus von Kristina Sprehe mitbekam, außerdem das hohe Ergebnis, war die Britin noch mehr angestachelt. “Angst habe ich deswegen nicht bekommen”, so die Goldmedaillenträgerin, “ich wollte es deswegen nur noch mehr.”

Kristina Bröring-Sprehe & Desperados

Kristina Bröring-Sprehe & Desperados

Mehr als glücklich war dann schließlich auch Kristina Bröring-Sprehe mit ihrer Silbermedaille. “Medaillen sind immer etwas Besonderes – wenn man dann im Einzel eine bekommt, ist das schon richtig was wert”, so die 28-Jährige. Viel besser kam die Schlussreiterin aus der Teamwertung diesmal zum Reiten. “Im Grand Prix hatte Despi noch die Luft angehalten”, erzählte Bröring-Sprehe. “Heute hat er super mitgekämpft. Er zeigte außerdem keine Anzeichen von Müdigkeit. Im Einzel reitet man dann auch etwas befreiter, in der Mannschaft möchte man doch nicht versagen.”

Platz drei – und das war sicherlich eine Überraschung – ging an den Niederländer Hans Peter Minderhoud und seinen Jazz-Sohn Glock’s Johnson TN. Mit 79,034 Prozent gewann er die Bronzemedaille, im übrigen seine erste Einzelmedaille bei einem Championat. Doch für Minderhoud war diese Medaille auch mit einem gewissen “Opfer” verbunden. Seinem Lebensgefährten Edward Gal hätte man mit Glock’s Undercover wohl am ehesten noch eine Einzelmedaille zugetraut, vor allem nach seinem Sensationsritt im Grand Prix, der ihn dort auf Rang zwei brachte. Doch dem Ferro-Sohn schien genau dieser Grand Prix noch in den Knochen zu stecken – oder vielmehr der Applaus danach. Geräuschempfindlich ist der KWPN Wallach, das ist bekannt. Nach dem Grand Prix war das Publikum im Akkord am Applaudieren – und Undercover, so erklärte später Bondscoach Wim Ernes, hätte sich schon auf dem Weg ins Stadion total angespannt. Während auf dem Abreiteplatz noch alles in Ordnung war, wurde der Rappe total ängstlich auf dem Weg in das große Stadion. Undercover piaffierte schon zur ersten Grußaufstellung, Edward Gal hatte alle Hände voll – und offensichtlich biss sich der Schwarze dann auf die Zunge. In der zweiten Passage-Tour blutete Undercover leicht aus dem Maul und wurde entsprechend abgeläutet. Hans Peter Minderhoud berichtete: “Ich sah Edwards Noten auf dem Abreiteplatz und dachte erst noch ‘Hach, vielleicht gewinne ich eine Medaille’, als er nach der Schritttour bei 75 Prozent war. Aber als das mit dem Blut passierte, dachte ich nur ‘Shit’.” Im Übrigen hatte Hans Peter Minderhoud auch während seines Rittes keinen wirklichen Spaß – krank wurde er die Nacht vorher und hatte “Beine wie Spaghetti”, aber nachdem er sein Ergebnis sah, fühlte er sich zumindest im Ansatz etwas besser.

Edward Gal & Glock's Undercover

Edward Gal & Glock’s Undercover

Nach dem Grand Prix überzeugte erneut auch im Special die Spanierin Beatriz Ferrer-Salat, die Vierte wurde mit dem Fuchswallach Delgado. Ganz große Gefühle gab es vor allem aber auch bei Carl Hester (GBR), der mit Nip Tuck auf Platz fünf kletterte. “Ich habe heute ganz und gar Valegro vergessen”, sprudelte es aus dem Mannschaftsolympiasieger heraus, “weil heute Nip Tuck seinen großen Moment hatte. Er ist zwar immer etwas nervös, aber will immer. Er hat so eine tolle Einstellung – und dass er nun hier auf Platz fünf landet, macht mich unglaublich glücklich. Auch in Hinblick auf Rio muss ich sagen: Wir können alle noch ein paar Prozente mehr rausholen – das sind tolle Aussichten.”

Zufrieden nach dem großen Drama um Totilas waren auch die weiteren deutschen Dressur-Damen. Isabell Werth und Don Johnson waren zwar einmal auf dem falschen Weg (statt in die Traversale bog Werth bereits in den Schritt ab), doch ihr Don Johnson FRH zeigte seinen vielleicht besten Special. Belohnt wurde das mit 75,924 Prozent. “Ich weiß gar nicht, wann ich mich das letzte Mal veritten habe. Dass mir das nach 25 Jahren Championate noch passiert”, schüttelte die Teamälteste lachend den Kopf. “Aber eigentlich wollten wir ja nur vom Thema ablenken. Das war jetzt genug Totilas. Ich wollte für etwas bessere Stimmung sorgen.” Werth scherzte weiter: “Ich habe so viele Schrittübergänge geübt, nur das war die falsche Stelle.” Vor allem freute sich die Reiterin aus Rheinberg, dass sich der Don Frederico-Sohn so gut präsentierte. “Ich weiß ja, dass er nicht zu den Besten gehört, deswegen ging es vor allem darum, sein Image aufzubessern. Meine Gehirnzellen haben halt einmal kurz ausgesetzt. Immerhin war ich schneller zurück auf dem richtigen Weg, als der Richter bei C klingeln konnte. Und Jonny kann ja nichts dafür, dass eine Blondine auf ihm oben drauf sitzt.”

Trotz verpatzter Zweier- und Einerwechsel hatte auch Jessica von Bredow-Werndl den Humor nicht verloren, die mit Unee BB hinter Werth Achte wurde mit 74,790 Prozent. “Nach den fehlerhaften Zweiern dachte ich in der Prüfung ‘Was soll’s, jetzt zeigst du halt supergute Einer’ – hat dann aber auch nicht geklappt. Aber jetzt schüttel ich mich einmal und morgen geht es weiter.”

Für eine größere Diskussion sorgten einmal mehr die Richter: Beim Ritt des Niederländers Diederik van Silfhout mit Arlando N.O.P. war die Differenz der Richter bei über 13 Prozent. Dabei fiel vor allem die Wertung des niederländischen Richters auf, also ein Landsmann des Reiters: Er hatte van Silfhout mit 83 Prozent auf Rang eins. Deswegen wendete die FEI seine neue Regel an, die greift, wenn ein Richterurteil über sechs Prozent vom Durchschnitt abweicht. Dann nämlich wird die Wertung auf das Ergebnis, das am nächsten ist, gesetzt – und so wurde die Note von Eduard de Wolff van Westerrode (NED) von 83 auf 77 Prozent runtergesetzt. Der Niederländer wird auch in Rio mit in der Jury sitzen.

Fotos: Karl-Heinz Frieler