European Champions: the Netherlands

Aachen: Holland entscheidet Nervenkrimi für sich

Derjenige, der den neusten Krimi über die EM in Aachen geschrieben hat, dürfte den nächsten Buchautoren-Preis gewinnen. Das, was in der heutigen finalen Teamwertung in Aachen passierte, war alles andere als Nerven schonend. Fünf Teams (Frankreich, Holland, Deutschland, Großbritannien und die Ukraine) machten sich im Voraus die größten Medaillenhoffnungen. Während in der ersten Runde noch alle mit Ausnahme der Franzosen fehlerfrei blieben (Penelope Leprevost als Führende im Einzelranking hatte einen Abwurf mit Flora de Mariposa), war die Ukraine nach zwei weiteren Reitern schließlich raus aus dem Rennen – sie wurden am Ende Achte. Einen bösen Absturz erlebten auch die Franzosen, die Gold wollten und Fünfte wurden. Einen Kampf um Bronze führten am Ende die Briten und – nach Tag eins auf Platz 13 völlig überraschend – die Schweiz, die schlussendlich die Hände in die Luft reißen durften. Ohne die beiden führenden Köpfe im Team, Olympiasieger Steve Guerdat und Pius Schwizer, machte die Truppe von Andy Kistler einen hervorragenden Job und nicht nur die Olympiaqualifikation perfekt, sondern eben auch noch den Medaillenplatz. “Das war so viel Druck”, freute sich der Equipechef am Ende erleichtert. “Wir wollten ja nur die Qualifikation für Rio und ich war so außer mir vor Freude. Als dann irgendwann Martin zu mir kam uns sagte, dass wir Bronze gewinnen können, hatte ich überhaupt keinen Plan – für mich war es nach der Qualifikation quasi alles erledigt.” Und Martin Fuchs, der sein erstes Senioren-Championat ritt, lobte den Equipechef: “Er hat die richtigen Worte nach dem ersten Tag gefunden, hat uns motiviert, gleichzeitig Druck gemacht Außerdem müssen wir Steve danken, der bis gestern hier war uns uns am Abreiteplatz und beim Abgehen geholfen hat. Wir wollten auch für ihn kämpfen, damit er seinen Titel in Rio verteidigen kann.”

Neben der Schweiz qualifiziert für Rio sind Großbritannien und Spanien.

Team Germany

Team Germany

Einen irren Fight lieferten sich dann vor allem noch die Deutschen und Holland um Gold. Nach zwei Nullrunden von beiden Teams wurde der Druck immer größer. Die Deutschen, die vor Holland dran waren, hatten einen Fehler von Ludger Beerbaum – dem bis dahin Zweiten im Einzelranking – und Chiara zu verzeichnen. Damit war klar: Würde Jur Vrieling (NED) nun keinen Fehler machen, wären die Holländer neuer Europameister. Doch der amtierende Weltmeister machte es noch mal extra spannend – ein Zeitfehler von Jur Vrieling und VDL Zirocco Blue N.O.P. bedeutete noch keine Entscheidung. Die kam erst, als dann auch Daniel Deußer mit Cornet d’Amour einen Abwurf hatte: Silber für Deutschland, Gold für Holland.

Rob Ehrens, Equipechef der Niederländer, erklärte, warum die Oranje-Mannschaft derzeit auf einer Erfolgswelle schwebt: “In unserem kleinen Land arbeiten wir unglaublich eng zusammen. Es dauert keine halbe Minute und ich erreiche jeden und jeder steht parat für einen Nationenpreis.” Jeroen Dubbeldam mit seinem Weltmeister-Pferd SFN Zenith N.O.P., mit dem er in Caen Gold gewann, hatte die Aufgabe, als Erster zu starten. “Eigentlich ist jeder Platz schwierig”, so Dubbeldam. “Aber als erster kann man doch etwas für den Teamspirit und die Inspiration tun. Außerdem waren vor mir schon drei, vier Reiter null und das hat mir etwas Druck gemacht, den ich auch gespürt habe. Aber Zenith hat mir so ein unglaubliches Gefühl gegeben und damit auch die Zuversicht, hier gut zu reiten.” Dass Jur Vrieling mit Zirocco Blue dann mit seinem Zeitstrafpunkt alle Möglichkeiten für Deutschland offen ließ, kommentierte der Niederländer mit einem Lachen: “Ich glaube, jeder weiß, dass Gerco ein bisschen Druck braucht. Wobei mir dann Daniel mit dem Druck etwas Leid tat – aber ich hätte mir am Ende den Fehler auch nie verziehen, hätten wir nicht Gold gewonnen.”

Daniel Deußer & Cornet d'Amour

Daniel Deußer & Cornet d’Amour

Die Deutschen zeigten sich nach der Silbermedaille nur kurz enttäuschten, freuten sich dann aber die Medaille. Daniel Deußer: “Ich hatte es in der Hand und Cornet d’Amour war dafür bereit. Aber man kann jetzt zehn Mal analysieren, woran es lag und welcher Fehler uns Gold gekostet hat – wir hatten einfach einen Fehler zu viel.” Der Druck sei da gewesen, erzählte Deußer, aber der sei nicht der Auslöser des Fehlers gewesen. “Das hätte genauso gut passieren können, wenn ich als Erster gestartet wäre”, so der Bereiter von Stephex.

Ludger Beerbaum & Chiara

Ludger Beerbaum & Chiara

Ludger Beerbaum, der mit Chiara ebenso einen Fehler hatte, wusste: “Ich bin zu locker in die Dreifache galoppiert. Ich hatte da einen Energieabfall. Ich zwar zu fokussiert auf die Planke davor und freute mich dann zwei, drei, vier Sekunden darüber, dass es geklappt hatte – das war der Grund.” Doch auch der Leitwolf war nicht verbittert: “Jeder war hier jederzeit in der Lage, null zu gehen. Das war ein guter Auftritt.” Bezüglich seiner Chancen im Einzel konnte Beerbaum noch nicht viel sagen: “An die Einzelwertung habe ich die letzten Tage gar nicht gedacht. Aber eins ist klar: Ich muss dann die null bringen.”

Meredith Michaels-Beerbaum & Fibonacci

Meredith Michaels-Beerbaum & Fibonacci

Meredith Michaels-Beerbaum, die diesmal als erste vorgelegt hatte, konnte ihren Frust vom Vortag wieder vergessen nach ihrer Nullrunde mit Fibonacci: “Gestern habe ich mich richtig geärgert. Ich war heute sehr nervös und bin deswegen unglaublich froh und erleichtert gewesen, dass ich so konsequent und konzentriert geritten bin.”

Christian Ahlmann & Taloubet Z

Christian Ahlmann & Taloubet Z

Große Erleichterung auch bei Christian Ahlmann, der mit Taloubet Z nach seinem gestrigen Fehler ebenso eine “clear round” zeigte: “Ich wollte es heute richtig gut machen. Leider haben wir am Ende nicht alles mitgenommen und wenn man so dicht dran ist, hat man auch ein weinendes Auge. Aber wir können alle wesentlich mehr zufrieden sein als enttäuscht.”

Fotos: Karl-Heinz Frieler